Wednesday, January 6, 2016

Tefay

2011 habe ich wütend geschrieben, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen sich nicht für Assads Morden in Syrien interessieren, aber gewiss eines Tages Theaterstücke oder Filme oder Bücher produzieren würden, in denen sie das Sterben und Leiden verarbeiten, ich habe prophezeit, dass es dann dafür vielleicht einen Oscar geben wird oder einen Literaturpreis, viel Applaus jedenfalls, man drückt sich auf den Publikumsrängen ein paar Tränen aus und fragt sich bei Sekt im Foyer, wie das denn nur hat geschehen können. Hach, furchtbar, schlimm, Folter, Fassbomben, Hungerblockaden …
Als Autor habe ich mich meist den Geschichten verpflichtet gefühlt, die mich aufwühlen, weil die Ungerechtigkeit, das Leid, das Wegschauen für mich unerträglich war.
2015 gab es mehrere Geschichten, die mich über Wochen und Monate, ja überhaupt nicht losgelassen haben bis heute. Eine davon ist die Geschichte von Tefay, einem jungen Mann aus Eritrea. Um es ganz kurz zusammenfassen: Tefay flüchtet vor einem verbrecherischen Regime, als dieses ihm verbietet, die Hochzeit seines Bruders zu besuchen. Er flüchtet in ein Land, in dem er sicher ist, in dem er einen Job hat, sein Chef ist mehr als zufrieden, alles läuft gut, bis dieses Land Gesetze ändert, Tefay verliert seinen Job, muss in eine Unterkunft für Flüchtlinge. Als er einmal zu spät in der Nacht erscheint, muss er ins Gefängnis, in dem auch Schwerverbrecher untergebracht sind. Danach beschließt er, das Angebot des Staates anzunehmen: 3.500* Dollar für die Ausreise. Tefay geht nach Libyen, wo er von ISIS-Barbaren gekidnappt und als vermeintlicher Christ grausam ermordet wird.
Seit ich darüber gelesen habe, verfolgt mich die Geschichte. Mir gehen die beiden Fotos nicht aus dem Kopf: auf dem einen ein scheinbar lebenslustiger junger Mann voller Pläne und Hoffnungen, ein Mann, der offenbar nie etwas Böses in seinem Leben gemacht hat, der nur auf der Suche nach einem besseren Leben war, daneben das Foto eines jungen Mannes in einem orangen Overall in Gefangenschaft der ISIS-Barbaren, das Foto eines Menschen, der weiß, dass er gleich sterben wird.
Jedes Mal, wenn diese Bilder in meinem Kopf auftauchen, verspür ich diesen Schmerz. Und wenn ich nun einen Roman über Tefay schreiben würde, wäre ich dann nicht genau wie die, die mich so wütend machten? Ich könnte zwar behaupten, dass ich nie zu Syrien geschwiegen habe, andererseits war ich ja genauso machtlos, als hätte ich geschwiegen.
Ich habe keine Antwort gefunden bisher, keinen Entschluss gefasst. Ich könnte dem Leben und Sterben dieses Menschen ja auch nie gerecht werden, denke ich mir — und dann doch wieder: dass so ein Leben einfach sinnlos ausgelöscht wird und verschwindet, das darf nicht sein. Viel kann ich nur tun, nur etwas ganz Kleines, aber vielleicht ist das ja doch besser, als nichts zu tun.
Ich weiß es nicht.

* die 35.000 in der ursprünglichen Version waren natürlich ein Tippfehler, sorry ...

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