Thursday, December 3, 2015

Don't bomb Syra, Mr. Putin (and as long as he does we should not)


Screenshot: New York Times



Seit beinahe fünf Jahren verfolge ich den Aufstand in Syrien. Würde ich nur den (Pseudo-)Experten im deutschen Fernsehen folgen (z.B. Michael Lüders, Bestsellerautor und Assad-Weichspüler der ersten Stunde), würde ich wohl genausowenig wissen wie die meisten Regierungen in Europa in den letzten Jahren, die mit katastrophalen Fehlentscheidungen das Desaster mitzuverantworten haben.

Ich habe versucht, ein kleines Netzwerk aufzubauen, Aktivisten/Menschen vor Ort, sowie Journalisten aus der Region (Zaina Erhaim z.B. wurde eben von Reporter ohne Grenzen zur Journalistin des Jahres 2015 gewählt) bzw. welche, die selbst gut vernetzt sind. Die überwältigende Mehrheit dieser Menschen sagten in den letzten Stunden eindeutig: Luftschläge gegen ISIS sind sinnlos. Sie sind sinnlos, weil als der größte Terrorist zuerst Assad angesehen wird. Assads Staatsterror und Putins Massaker an Zivilisten bzw. sein Bombardement vor allem auf eher moderate Rebellen in den letzten Wochen müssten zuerst oder jedenfalls gleichzeitig beendet werden.
Eine Zusammenarbeit mit Putin oder gar Assad sehen sie als Dummheit und Verbrechen. Einzig einige kurdische Kontakte begrüßen Luftschläge gegen ISIS, da ihre Kampfverbände gute Erfahrungen mit US-Unterstützung aus der Luft gemacht haben. Auch sehen manche die russischen Luftschläge weniger negativ bis positiv, das hat aber auch mit den in den letzten Tagen größer werdenden Spannungen zwischen Kurden und Arabern zu tun und Putins Streit mit Erdogan.

Ich bin kein Militärexperte, aber rein von dem, was ich all die Jahren gelesen habe, kann ich mir auch schwer vorstellen, dass die Luftschläge die Situation verbessern könnten. Was bringt das den von der Satansbrut gefangen gehaltenen yesidischen oder christlichen oder kurdischen Frauen und kleinen Mädchen, die zu Sexsklaven gemacht wurden? Werden sie dadurch befreit? Was bringt es den von Gefangenen, denen Verbrennen bei lebendigem Leib oder irgendeine andere unfassbare Folter vor dem Tod droht? Was den Homosexuellen, die von Hochhäusern in die Tiefe geworfen werden? Was, wenn die Luftschläge diese Islamisten nur zusammenschweißt, wenn die Luftschläge zuviele zivile Opfer fordern? Wenn die Angriffe ISIS zwar schwächt, aber nicht genug? Bekommen die dann nicht sogar den Mythos der Unbesiegbarkeit?

Ich habe vor über einem Jahr schon gesagt und meine Meinung nicht geändert: Es braucht Bodentruppen, um ISIS in Syrien und im Irak zu besiegen. Eine Expertin sprach von einer Viertel Million Soldaten, die über Jahre dafür nötig wären. Obama ist dazu nicht bereit, wir können (und wollten) es nicht. Bleiben die Kampfverbände vor Ort. Die letzten Reste der FSA-Armee werden gerade von Putin pulverisiert. Die Kurden sind schlagkräftig, kämpfen einen heroischen und sehr erfolgreichen Kampf (ich möchte jetzt einfach nicht glauben, dass es jetzt zur weiteren Eskalation zwischen kurdischen Kämpfern und arabischen - moderaten - Einheiten kommt), werden aber alleine ISIS nicht schlagen können, das ist jedem klar.

Schiitische Verbände hingegen begehen selbst zu viele Verbrechen, manche von denen sind mit den Verbrechen von ISIS gleichzusetzen. Außerdem sehen die meisten von ihnen die USA und ihre Verbündete eher als Feinde, denn als Freunde. Die irakische Armee fordert von den USA viele schwere Waffen und ermahnt sie gleichzeitig, draußen zu bleiben, was aber, wenn diese Waffen dazu benutzt werden, um dann generell gegen alle möglichen Sunniten vorzugehen? Das würde den Zulauf zu ISIS nur befeuern.

Man sieht schon – die Situation ist verfahren, ist auch in meinen Augen kaum auf eine Art zu lösen, die wenig Schaden ausrichtet und wenig Leid verursacht.

Stellvertretend für die Männer vor Ort, die Islamisten bekämpfen, ein Porträt eines Mannes, der in Guantánamo einsaß und nun für die US-unterstützte Regierung in Afghanistan gegen Taliban und ISIS kämpft. 18 seiner Familienmitglieder wurden ermordet. http://www.nytimes.com/2015/11/28/world/asia/once-inguantanamo-afghan-now-leads-war-against-taliban-and-isis.html



Was den deutschen Einsatz in Syrien angeht. Völlig meschugge wird das ja, wenn es wahr sein sollte, dass die Erkenntnisse der Aufklärungsflüge auch Assad und Putin zur Verfügung gestellt werden sollen.

WIE BITTE?! Frau Merkel öffnet die Grenzen für alle syrischen Flüchtlinge, unterstützt dann aber im Krieg die Herrscher, wegen der diese Menschen zuallererst flüchten? (die Aussage “Flüchtlinge flüchten vor ISIS!-Terroristen”, wird nicht wahrer, je öfter sie wiederholt wird - jede Umfrage zeigt, dass die allermeisten vor Assads Bombenkrieg flüchten, dann vor ISIS) Das ist dermaßen schizophren und bescheuert, aber ich würde mich nicht wundern, wenn das am Ende so gut wie keinen mehr stört. Wir leben nun mal in bekloppten Zeiten und von dieser planlosen Regierung, sowohl in der Flüchtlingsfrage wie auch in der Nahostpolitik, erwarte ich mir nur noch eines: Nämlich gar nichts mehr. Merkel müsste dann aber auch so konsequent sein, in die deutschen Flüchtlingslager gehen und all den vielen Deserteuren aus der Assad-Armee sagen: Jungs, jetzt geht dann mal wieder zurück, denn warum sollen deutsche Soldaten an Seite Putins und Assads in Syrien kämpfen, während ihr hier rumhockt?

Wer bis hierher gelesen hat, dem kann ich jetzt nur noch meine Ratlosigkeit gestehen. Hätte Obama oder irgendeine Allianz vor zwei, drei Jahren eingegriffen und Assads grausamen Treiben ein Ende gemacht, wie nicht nur ich, sondern auch einige, wenn auch wenige Journalisten, gefordert haben, müsste man heute nicht darüber abstimmen, ob man ISIS bombardieren soll. Aber was haben die Experten und Politiker davon geschwafelt, man dürfe dort um keinen Preis eingreifen, das würde zur Eskalation führen, was sind die Friedensdemonstranten, denen Assads Terrorkrieg und Folter scheißegal war, trommelnd durch die Straßen marschiert. Auch heute hyperventilieren viele dieser Linken, wenn Kampfjets aufsteigen sollen, sie machen aber keinen Mucks, wenn Putin oder Assad täglich Menschen töten. Man hat diese Katastrophe, weil man zu lange zugeschaut hat, die Lage völlig falsch eingeschätzt und auf die falschen Leute gehört.

Ich habe leider wenig Hoffnung, dass sich daran was ändert. Einer der ganz großen Fehler liegt für mich noch mehr Jahre zurück – man hätte gegenüber Russland eine andere Politik betreiben müssen, Putin mehr einbinden, hier liegt eine große Tragik. Bei einem besseren Auskommen mit Russland wäre die Eskalation in der Ukraine und in Syrien wahrscheinlich ganz anders gelaufen.

Abschließend dazu noch ein guter Artikel von Michael Weiss – und den Mythos vom russischen Anti-Terrorkrieg in Syrien. Herr Steinmeier, Frau von der Leyen, haben Sie den gelesen? http://www.interpretermag.com/5-myths-russias-false-isis-narrative-in-syria/