Thursday, February 19, 2015

Political Correctness

Als der “Zeit”-Herausgeber Giovanni di Lorenzo nach den Attentaten von Paris im "ZDF-Heute-Journal" eingestand, dass man wohl in den letzten Jahren einige Themen nicht angesprochen hätte, weil man zu große Angst hatte, die Falschen zu bedienen, da dachte ich, so eine Aussage würde eine Riesendiskussion lostreten, aber di Lorenzos Interview blieb ohne jede Resonanz.

Mir ist klar, dass viele, die die politische Korrektheit anprangern, dies tun, weil sie sich ärgern, dass ihr rassistischer Dünnschiss auf Gegenwehr stößt. Es sollte aber auch jedem bewusst sein, zu was politische Korrektheit auch führen kann: Nicht in Indien, nicht in einem Bürgerkriegsstaat in Afrika, nicht unter Boko-Harram in Nigeria oder ISIS-Herrschaft in Syrien oder im Irak**, nein, HIER IN EUROPA sollen 1.400 Kinder über Jahre sexuell missbraucht worden sein, und scheinbar war das u.a. nur möglich, weil die englischen Politiker, Behörden und Polizei Angst hatten, als “ausländerfeindlich” oder gar “islamophob” zu gelten und deshalb nicht ernsthaft gegen die Täter, die vor allem pakistanischer Herkunft waren, vorgingen. Hätte ein James Ellroy oder ein David Peace einen fiktiven Krimi darüber geschrieben, sie wären wahrscheinlich als Rassisten gebrandmarkt worden. Außerdem hätte man ihnen bestimmt vorgeworfen, maßlos zu übertreiben.

Wir sollten deshalb über das, was die Lorenzo gesagt hat, sprechen. Denn wer Probleme aus Angst unter den Teppich kehrt, riskiert u.a. zweierlei:

1. dass Political correctness zur Komplizin von Schwerverbrechern, im erwähnten Fall von Kinderschändern, wird.

2. dass die Zulauf bekommen, die von der Lügenpresse sprechen und den Medien generell nicht mehr trauen, dafür aber lieber irgendwelchen dubiosen Aluhutmännchen und Hetzern folgen.

In meinem Romanen halten sich die Figuren nie an politische Korrektheit. Müssen sie auch nicht, leidenschaftliche Literatur muss auch mal dreckig und verstörend sein, man darf sie nicht kastrieren. Als vor fast exakt zehn Jahren "Weine nicht" rauskam, haben einige Provinzjournalisten Rassismus gerochen, eine für mich wichtige Lesung wurde sogar abgesagt. Als das Buch am "Deutschen Theater" in Berlin uraufgeführt wurde, konnte ich darüber nur noch lachen. Aber all das ist natürlich sowieso nichts im Vergleich zu dem, was in England geschah.

Di Lorenzos Aussage hätte ein Wecksignal sein können, aber wie's scheint, hat's keiner vernommen. Dabei müssen wir aufwachen und auch dorthin gehen, wo's richtig wehtut. Nicht, um die Falschen zu bedienen, sondern um den Falschen den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

http://www.faz.net/aktuell/politik/missbrauch-in-rotherham-stadt-des-schweigens-13434501.html


** Danke für den Hinweis! Ich meinte damit natürlich nicht, dass die ISIS oder Boko-Haram nicht in großem Stil Menschen sexuell missbrauchen würden, und mir ist ganz sicher bewusst, dass es Zwangsprostitution in Europa gibt, deren Strippenzieher und Freier Europäer sind, trotzdem fällt es doch schwer zu glauben, dass so ein Missbrauchsskandal in Europa möglich war.