Wednesday, December 31, 2014

2014

Ein Foto, das für 2014 steht: Farah, Sham, Rana, Hiba, Ahmad und ihre Mutter Iman sind vor wenigen Tagen in Syrien von Assads Schergen ermordet worden. (und die Quellen scheinen hier zuverlässig zu sein) War der 1. Weltkrieg die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, so könnte eines Tages der syrische Bürgerkrieg als die Urkatastrophe des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden. 2014 nun war das Jahr, in dem das eintraf, was ich – und leider nur wenige einsame Rufer - prophezeit hatte: Wer glaubt, den unfassbar grausamen Konflikt in Syrien könne man ausbluten lassen, der irrt. Wer glaubt, man müsse sich um jeden Preis raushalten, der wird eines Tages den Krieg aufgezwungen bekommen, und er wird größer und radikaler sein, als er zu einem früheren Zeitpunkt gewesen wäre. Und so ist es zum Supergau gekommen – die gigantischen Flüchtlingsströme, das Entstehen der durchgeknallten Mördertruppe IS, die im großen Stil massakriert, foltert und vergewaltigt, das Verschwinden 1000er Menschen in Assads Folterkellern, das Übergreifen des Krieges auf den Irak, das Ausbomben und Aushungern von ganzen Stadtgebieten mit gigantischen Verlusten unter Zivilisten, die Radikalisierung 1000er junger Möchtegern-Gotteskrieger in Europa, und am Ende eben doch das Eingreifen unter der Führung der USA und logistische Hilfe bzw. Waffenlieferungen an gemäßigte Rebellen und Kurden.

Was sich schon in den vergangenen Jahren abgezeichnet hat, sich aber 2014 verstärkt hat: Jeder macht sich seine Welt, wie sie ihm gefällt, ganz Pipi-Langstrumpf-Style, 2 mal 3 macht 4, widi widi widi wid und 3 macht 9e, ich mach mir die Welt, widi widi wie sie mir gefällt. Menschenrechtsverletzungen werden je nachdem beurteilt, wer sie begeht, egal, was Menschenrechtsorganisationen, UNO, seriöse Journalisten oder Zeugen sagen. Kritische Quellenprüfung ist out. Wie schrieb ein mexikanischer Blogger so schön? “Back in my day, being a leftist meant doing leftist shit. Now, you got these illuminati punk teens with Assad avis.”
Und um bei Assad zu bleiben – diejenigen, die seine Verbrechen leugnen oder verharmlosen, sind keine Hooligans oder Pegida-Demonstranten, nein, es sind Politiker, TV-Experten, Pseudo-Journalisten mit knapp 300.000 Facebook-Fans, Leute, die nur den Leuten aus der Region zuhören, die ihre Meinungen bestärken, nie denen, die ihnen widersprechen. Man setzte jetzt noch eine Verschwörungstheorie obendrauf und komme dann zu Schlüssen wie Serdar Somuncu (den ich sonst doch so schätze!), dass etwa sämtliche Aufstände des arabischen Frühlings von den US-Amerikanern angezettelt worden und die jungen arabischen Männer, die dort demonstrierten, bloß ferngesteuerte Dummköpfe gewesen seien ... Beweise bleibt er schuldig genauso wie Scholl-Latour sie schuldig geblieben ist, aber wenn’s ins eigene Weltbild passt, na, dann muss man das auch nicht hinterfragen. (Wie soll das eigentlich abgelaufen sein? Hat der CIA in ägyptischen Fußballstadion Ronaldo-Trikots verteilt, um junge Fußballfans auf die Straße zu bringen und gegen die brutale Polizei eines Diktators zu kämpfen? Come on. Manchmal frage ich mich schon, warum so mancher vermeintlicher Intellektuelle mit zum Teil abstrusen Theorien oder arg politischer Schlagseite von der Kulturwelt hofiert wird, während man bei anderen verächtlich vom dummen Abschaum spricht.) Gerne würde ich Herrn Somuncu fragen, ob er denn glaubt, dass Islam und Demokratie nicht zusammenpassen, wenn er so viel Gutes in den alten Diktaturen sieht – und ob er sich der Konsequenz dieser Ansicht bewusst ist.

Wo ich mit Somuncu einer Meinung bin – Europa muss mehr Verantwortung übernehmen, es kann sich aus Krisen wie in Syrien nicht mehr heraushalten oder sich nur halbherzig engagieren, es muss mehr tun. Wir müssen uns auch nicht über Flüchtlingsströme und Terror wundern, solange unser Reichtum zum Teil auf Ausbeutung basiert. Um nur Meldungen der letzten Woche zu erwähnen: Mit deutschen Schusswaffen wird die indigene Bevölkerung in Mexiko massakriert, auch in Argentinien findet ein leiser Genozid (ebenfalls an Indios) statt, weil die Farmer, die McDonalds beliefern, mehr Land für ihre Tiere brauchen. (ja, hierfür gibt es seriöse Quellen) In Afrika sollen über 40.000 Menschen vertrieben werden, weil auf ihrem Land künftig eine Großwildjagden für reiche Europäer, Amerikaner und Asiaten stattfinden sollen usw., und ja, all das hat mit uns zu tun. Sobald wir nur schon Billigklamotten aus Sklavenfabriken kaufen, sind wir involviert in Leid und Unterdrückung. Aber wenn die Leute dann an Europas Tore klopfen, schreien wir, wir wollen die nicht, wir sind das Volk.

2014 war auch das Land des Antisemitismus in Europa. Dass es in Deutschland zu solchen Auswüchsen kommen würde, hätte ich vor ein paar Jahren noch für absolut unmöglich gehalten. Als in Berlin “Jude, Jude, feiges Schwein” skandiert wurde – da hat bestimmt so mancher alte Naziarsch einen Furz der Freude gelassen. Ca. 6.500 Juden haben Frankreich verlassen, die meisten, weil Anfeindungen und Übergriffe eskaliert sind, die Täter - fast ausschließlich junge Moslems. Die Morde, die Islamisten weltweit begehen, sind mittlerweile so alltäglich geworden, dass sie fast nur noch in Randspalten, wenn überhaupt, erwähnt werden. Anschläge in Nigeria, in Pakistan, in Libyen who cares.

Und hier ziehe ich den Bogen zu Pegida: Wer nicht mit voller Kraft genauso gegen Antisemitismus und Islamismus ist wie gegen Pegida, der soll mal ganz schnell runter von seinem hohen moralischen Ross. Wer im Sommer noch antisemitische Bildchen geteilt hat oder versucht, den radikalen Islam zu verharmlosen, weil der ja nur eine jüdisch-US-amerikanische Erfindung sei, um die arabische Welt zu zerstören, der soll erst in den Spiegel schauen, eh er mit Plastikfingern auf andere zeigt. Da passt es auch dazu, dass ausgerechnet in der “Woche der Toleranz” in den öffentlich-rechtlichen Sendern ein zum Islam konvertierter Sänger in einer Talkshow auftrat, der Homosexualität für eine Sünde hält, der die Fatwa gegen Rushdie verteidigte, und als Vorbild für Toleranz und ein friedliches Zusammenleben gelobt wurde.

Die Zeichen stehen auf Sturm für 2015, aber vielleicht gibt es ja eine positive Überraschung, und die Aufregung im Narrenhaus legt sich ein bisschen. Für Farah, Sham, Rana, Hiba, Ahmad und Iman spielt das keine Rolle mehr. Und das ist auch mein Resümee für 2014: Ich hab den Luxus, mich darüber zu freuen, dass Schnee fällt und nicht darüber, noch am Leben zu sein. ... Ja, es ist ein großes Glück, in Europa zu leben, ein Geschenk, für das man unendlich dankbar sein muss. Aber damit ist auch eine große Verantwortung verbunden. Dessen muss man sich jeden Tag aufs Neue bewusst werden.

Auf ein friedlicheres Jahr!