Wednesday, June 11, 2014

Hol'n wir's uns zurück!


Ich habe mich als Kind in den Fußball verliebt, und zwar auf allen Ebenen: Am meisten liebte ich es, Fußball zu spielen, aber genauso wurde ich fanatischer Fan, Bayern München war mein erster Verein, aber auch die deutsche Nationalmannschaft habe ich unterstützt, was, wenn man in Österreich lebte, fast schon was von Punk hatte. Auf allen Ebenen heißt auch: Live im Stadion zu sein. Mein erstes größeres Spiel: ein Freundschaftsmatch mit der von allen belächelten polnischen Nationalmannschaft, die kurze Zeit später bei der Weltmeisterschaft Dritte werden sollte.

Während meiner Zeit in Innsbruck (ab 1992) war ich Stammgast im Tivoli. Und auch wenn es Kurzzeitcoach Hans Krankl versprach – gebrannt hat die Nordkette nur selten. Für manche Spiele hätte man nicht nur das Geld zurück, sondern sogar Schmerzensgeld bekommen müssen. Ich bin Wacker Innsbruck (damals lief der Verein unter dem üblen Namen FC Tirol Milch Innsbruck) trotzdem all die Jahre treu geblieben, und im Jahr 1999 geschah dann das Wunder. Bereits in der Rückrunde zeichnete sich ab, dass die Mannschaft gut drauf war, es gab ein paar überzeugende Spiele, ehe die Saison ‘99/2000 mit einem Sieg gegen Rapid Wien eingeleitet wurde – und sollte ich 100 Jahre alt werden, würde ich noch am Sterbebett Radosław Gilewicz’ Fallrückzieher aus dieser Partie in meinem Kopf abspielen können.

Es wurde meine intensivste Saison, ich bin auf so viele Auswärtsspiele wie nur möglich, denn Heimspiele waren okay, aber ich liebte 1000mal mehr, in der Fremde zu sein, mit einer kleinen Gruppe gegen ein Stadion zu stehen. Als Gilewicz einige Runden vor Schluss in Salzburg beim Erzfeind Austria das Siegtor schoss, war mir klar, dass es dieses Jahr nach all den deprimierenden Jahren endlich passieren könnte, dass die Meisterschaft möglich war. Und so kam es, dass nach einem arschknappen Sieg am letzten Spieltag gegen Austria Wien der Verein, der mehr schlecht als recht durch all die Jahre gerumpelt war, den Meistertitel holte. Den Zauber dieser Saison habe ich nie wieder erlebt.

Damals konnten wir ja auch nicht ahnen, dass der Titel im Grunde Betrug war, erkauft mit Geld, das nicht vorhanden war. Zwar gelang unter anderem mit – Achtung! – Jögi Löw ein Meistertitel, aber da war Innsbruck finanziell bereits völlig am Ende. Löw erklärte sich gar bereit, den Verein nach dem Zwangsabstieg in einer unteren Liga weiterzutraineren, aber am Ende ging der Verein in Konkurs und löste sich auf. Dazu kommt, dass das alte Tivolistadion nicht länger Spielstätte war ... Beides führte dazu, dass ich meine Leidenschaft verlor. Ich fand mich im neuen Stadion nicht zurecht, ich konnte ich genausowenig abfinden, dass die Meisterschaft im Grunde nur fauler Zauber gewesen war. Ich bin nur noch selten ins Stadion und war ich dort, habe ich mich gelangweilt.

In München bin ich ins Grünwalder Stadion, aber mittlerweile stand ich lieber abseits, nicht länger dort, wo es laut und lustig war. Die Spiele waren oft grottenschlecht, und als ich entgegen meiner Prinzipien mit Freunden beim Spiel gegen Unterhaching einen Sitzplatz einnehmen musste, konnte ich miterleben, wie Herr Schweinsteiger vor mir beim Handy-Tippen einschlief. Alleine Franck Ribéry beim Training zuzuschauen, hat mehr Spaß gemacht, als viele Spiele, die ich in meinem Leben live erlebt habe.

Morgen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Der Fußball hat in vielerlei Hinsicht jedes Maß verloren. Wayne Rooney soll 2.000 Euro in der Stunde (!) verdienen und ist damit noch von den Topverdienern entfernt. Real Madrid und Athletico Madrid bestreiten das Champions League Finale und sind bzw. wären ohne Hilfe vom Staat verschuldet ohne Ende. Der DFB baut sich extra ein Quartier für die WM im Dschungel, Ronaldo fliegt mit vier Flugzeugen nach Brasilien (er sitzt freilich nur in einem, in den drei anderen sitzen wahrscheinlich seine Frisöre). Knapp acht Milliarden soll der Bau der Stadien in Brasilien verschlungen haben, Stadien, die z.T. nach der WM kein Mensch mehr braucht (man schaue mal nach Portugal). Die FIFA verdient sich dumm und deppert, geschätzte drei Milliarden Euro, während die Ausrichterländer auf den Schulden sitzen bleiben. Alles ein bisschen Irrenhaus mit Konsequenzen für die Ärmsten. Das Geld, das in Brasilien für das FIFA-Spektakel verpulvert wird, fehlt anderswo, fehlt dort, wo’s weh tut.

Ich werde die WM trotzdem verfolgen, ich bin viel zu fußballverrückt, um sie zu boykottieren. Ich muss auch eingestehen, dass ich ratlos bin, wie man den Fußball wieder zurückholen könnte. Ein Crash des bisherigen Systems – sowohl auf FIFA-Ebene als auch in den nationalen Ligen – ist nicht in Sicht.*** Und wie sollte der Fußball denn wieder sein? War er jemals besser? Bei den Fußballweltmeisterschaften muss man das hinterfragen. Die FIFA hat schon früher mit Diktatoren paktiert, ein Qualifikationsspiel fand ohne Gegner statt, in einem Stadion, in dessen Umkleidekabinen Regierungsgegner gefoltert und ermordet wurden. Den Kampf auf nationaler Ebene führen andere, nicht immer mit klar definierten Zielen. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, warum sollte es im Fußball anders sein als in unserer Gesellschaft. Die Taschen der Abkassierer werden prall gefüllt sein, die Revolutionäre sind zu wenige, den Regierungen ist es lieber, Geld in den Fußball zu pumpen, als dass sich die jungen, frustrierten Männer auf die Straße begeben und dort Rabatz machen. (in Brasilien freilich geht das Brot und Spiele-Prinzip nicht auf: Die jungen Menschen demonstrieren eben weil das Geld in den Rachen der FIFA geschmissen wird)

Nein, eine Wende ist nicht in Sicht. Und nein, ich habe keinen Plan, wie der kommerzielle Fußball zu retten ist, ich weiß nur, was ich vermisse: Die alten Stadien, denn die neuen sind sich fast alle gleich und sie haben keine Geschichte. Ich vermisse eine Nationalmannschaft, die den Fußball so zelebriert, wie das Brasilien 1982 getan hat. Ich vermisse den alten Europacup der Landesmeister, in dem nicht ständig die immer selben Mannschaften sich im Viertel- oder Halbfinale gegenüberstanden. Ich vermisse vieles und merke, dass meine Leidenschaft für den Fußball abgeklungen ist. Und an das Wunder, das sie zurückbringen kann, glaube ich nicht mehr. Das einzige, was geblieben ist: Die Freude, selber zu spielen, die kann mir kein Blatter vermiesen ...

*** Was nicht zu wünschen ist, aber möglich wäre: Dass irgendwas Schlimmes während der WM geschieht, das eine Weiterführung unmöglich machen würde ...