Thursday, March 6, 2014

Search & Destroy - Die Zerstörung des Flussufers der Leiblach in Sigmarszell / Lindau

Meine Kindheit habe ich an einem Flussufer verbracht, und dieser Ort war von märchenhafter Schönheit, da standen uralte Bäume, die Schatten warfen, dass man glaubte, sich selbst am heißesten Sommertag in einer dunklen, geheimnisvollen Welt zu befinden, dichtes Gestrüpp blockte Lärm und Gestank der Welt da draußen ab, unzählige Tiere flogen, krochen, hüpfen, schlängelten, schwammen, ... Egal, wo ich auch bin auf dieser Welt, und egal, wie schön es dort ist - diese Sehnsucht nach dem kleinen Paradies ist geblieben.



Kein Paradies hält ewig, bald schon begannen Rodungen, die dem Ufer auch nicht gar so geschadet hätten, wären es nicht meist Kahlschläge gewesen und wären nicht in Agent Orange-light-Manier alle nachwachsenden Sträucher und Büsche immer und immer wieder ratz-fatz zerstört worden, und mit ihnen auch viel von dem Leben, das diesen Platz so wild und für uns Kinder so aufregend gemacht hat.


Die Konsequenzen aus den Kahlschlägen blieben nicht aus: Hangrutschungen, verursacht in den 80ern, sind heute noch ein Problem, ja ein größeres als je zuvor. Gelernt hat man daraus aber nichts. Mit jedem Jahr wurde noch ein bisschen fester draufgehaun, ein bisschen mehr zerstört. 


Zu allem Überfluss kam in den letzten Jahren eine neue, natürliche katastrophale Entwicklung hinzu: Die Ufer des Rickenbachs und der Leiblach sind geprägt von der Esche, einem widerspenstigen Baum, der sich gerne dort niederließ, wo andere Bäume keine Überlebenschance hatten. Es ist wohl dem Klimawandel zu verdanken, dass nun ein Pilz fast den völligen Bestand der Eschen hinwegrafft, ein Baum-Massensterben, wie ich - wie es vielleicht ganz Europa - noch nie zuvor erlebt habe. (in Großbritannien geht man von Millionen absterbender Bäume aus)

Das Ufer der Leiblach und des Rickenbachs werden nie wieder so sein, wie sie einmal waren. Zum einen durch den massiven Eingriff des Menschen, zum anderen durch das Sterben der Eschen. Springkraut ist an manchen Stellen zum absolut dominanten Gewächs geworden. Und Ende Februar 2014 wird sogar ein Bagger eingesetzt, um die eh schon nur mehr spärlich vorhandenen Sträucher, Büsche und jüngeren Bäume vom Ufer zu entfernen.


http://www.youtube.com/watch?v=-xwFSQwoBJA

Warum immer und immer wieder das Ufer kahlrasiert wird - keiner kann mir darauf eine Antwort geben. Es gibt keine, die Sinn machen würde. Das bisschen landwirtschaftliche Nutzfläche, das gewonnen wird, wird durch Erosion wieder verloren, was - wie Ende der 80er, Anfang der 90er geschehen - dazu führt, dass viel Steuergeld dafür eingesetzt werden muss, damit wochenlange Arbeiten für den Hochwasserschutz vonnöten sind, um das Ufer zu schützen, ja sogar schwere Lkws durch das Bachbett fahren, um Riesensteine anzukarren, und Bagger im Fluss wühlen. Manchmal hat man auf dem Land das Gefühl, dass dieselben Fehler über Jahrzehnte gemacht werden, ohne dass jemand daraus lernt. Die landwirtschaftliche Nutzung, die man niemandem verwehren will, ist keine Ausrede für diesen Kahlschlag-Wahnsinn, für das Zerstören von Lebenswelt für z.T. selten gewordene Tiere und Sträucher. 

Ich prophezeie jedenfalls, dass wir mit jedem Jahr dem Tag näher kommen, da ein Hochwasser, vielleicht so ein mächtiges wie im Mai 2013, Teile des Ufers mitreißen wird (wie es bereits geschieht, siehe Foto unten). Manchmal wird man das Gefühl nicht los, dass manche Menschen auf dem Land, wären sie Höhlenmenschen, in zehn Millionen Jahren immer noch in Höhlen hausen würden. Nichts gelernt, nichts weiterentwickelt, immer stur das tun, was man immer getan hat. Ja, Herr Einstein, die Dummheit des Menschen ist unendlich.