Tuesday, November 12, 2013

Für die Freiheit, für das Leben


Foto: Camila Torres

Am 12. November 1983 spielte Bayern München gegen den HSV, es war das absolute Spitzenspiel Anfang der 80er, Trainer Ernst Happel hatte im selben Jahr mit dem HSV den Europapokal der Landesmeister gegen Juventus Turin gewonnen, und jeder Fußballfan fieberte diesem Samstagnachmittag entgegen. Ich war damals 11 Jahre alt, ich ging in Bregenz in die Schule, und ich mochte die Schule nicht. Das hatte damit zu tun, dass der Gesamtschulweg (hin und retour) jeden Tag drei Stunden betrug, und dass ich mit den Stadtkindern, nicht wenige davon Töchter und Söhne wichtiger Familien, nicht klar kam. Wir hatten zwei- bis dreimal am Nachmittag Unterricht, aber auch am Samstagmorgen vier Stunden. Die beste Zeit – wie in den Jahren zuvor – waren die Ferien, der Sonntag und die freien Nachmittage. Ich habe mit meinem Cousin Fußball auf der Wiese gespielt, wir haben Playmobil gespielt, Lego, wir haben Soldaten gespielt ... Diese ewigen Stunden in der Schule und so manche arrogante Tussi aus der Oberschicht hab ich überstanden, weil ich mir immer dachte: Heute Nachmittag jagst du auf der Wiese dem Ball hinterher. Heute Nachmittag baust du die Raumstation auf und startest den Krieg gegen die bösen Eindringlinge von einem fernen Planeten. Mein Herz schlug schneller, wenn ich daran dachte.

Das war für mich Glück. Das Spielen im Freien, im Haus, das war für mich Freiheit. Keiner hätte mir das nehmen dürfen. Die Zeit war knapp, denn es galt auch an freien Nachmittagen Hausübungen zu machen, es musste auf Schularbeiten gelernt werden, jede Stunde war kostbar. Am 12. November 1983 sollte nun der Tag der offenen Tür in der Schule stattfinden – und wir hätten bis 17 Uhr in der Schule bleiben müssen, aber das spielte sich nicht. Samstagnachmittag gehörte mir. Gehörte meiner Radioübertragung aus den Stadien und dem anschließenden Kicken auf der Wiese. Mit 11 war ich ein Feigling, das zweite Jahr in der Stadt überforderte mich, wir Kinder vom Land waren immer noch etwas eingeschüchtert ... Aber am 12. November 1983 rebellierte ich und ich verließ um 11:40 Uhr die Schule, ging zum Bahnhof, fuhr mit dem Bus nach Hause. Keiner hatte das Recht, mir die freien Nachmittage zu nehmen, mir das Spitzenspiel zu stehlen.

Bayern München gewann 1:0 durch ein Tor von Karl-Heinz Rummenigge kurz vor Schluss. Der große Erzfeind war geschlagen. Gerd Rubenbauer brüllte sich im Radio die Seele aus dem Leib, ich tanzte im Zimmer, das ich mit meinen beiden Geschwistern teilte.

Am Montag hieß es antreten – bei der Lehrerin, die den Samstagnachmittag geleitet hatte und beim Administrator – die schriftliche Entschuldigung meiner Eltern wurde nicht akzeptiert, ich musste mir anhören, mich asozial und unkollegial verhalten zu haben. Scheiß drauf. Es war mein Nachmittag. Mein freier Samstagnachmittag.

Dass es immer stärkere Kräfte gibt, die heute die verpflichtende Ganztagesschule einführen wollen, stinkt mir. Hätte ich meine Kindheit und frühe Jugend nur in der Schule verbracht, ich wäre kaputt gegangen. Ich war so lange unglücklich in der Schule. Ich habe alles Kreative zuhause gelernt – beim Spielen. Wir haben Geschichten für unsere Playmobil- und Legowelten ausgedacht, wir haben Scherzanrufe gemacht und Lieder komponiert, in dem wir uns über die Erwachsenen lustig machten. Dafür brauchten wir keine Anleitung, keine Aufsicht, keine aufgezwungenen Spielkameraden, die wir nicht ausstehen konnten – wir brauchten verdammt noch mal einzig und allein unsere Freiheit. Ich spreche hier nicht von dem freiwilligen Ganztagsschulangebot - in Zeiten, in denen Menschen drei Jobs haben und das nicht mal zum Leben reicht, läuft etwas grundsätzlich falsch und jedes Angebot, das Alleinerziehende oder überhaupt Eltern mit Kindern entlastet, ist zu begrüßen, und ja, es gibt Kinder, die es in der Schule bestimmt besser haben als zuhause – all das steht nicht zur Diskussion. Aber die verpflichtende Ganztagsschule ist bullshit, ist zu bekämpfen, ist ein Relikt aus DDR-Zeiten, von der Wiege bis zur Bahre Betreuen, der Staat gibt den Takt vor und alle haben zu folgen. Vielleicht will man ja den perfekt angepassten Bürger schaffen. Vielleicht will man Kinder ja nur abschieben, so früh, so lange wie möglich. Ich glaube nicht, dass das gut ist – weder für ein Kind, wie ich eins war, noch für die Gesellschaft. (Foto: C. Torres)