Tuesday, October 22, 2013

Über Heimat, Wut, das Schreiben

André Pilz (41), Autor und Yeliz Akkaya (18), Schülerin und Autorin, sind in Nachbarorten in Vorarlberg im Westen Österreichs aufgewachsen, wenn auch zu verschiedenen Zeiten. Ein gegenseitiges Interview. 

HEIMAT
Kann man das Land mögen, das einen abschieben wollte, als man ein Jahr alt war?
Yeliz: Ich war nur ein Jahr alt, da kann ich schwer behaupten, es hätte mich psychisch verletzt. Aber als man mir das im Nachhinein erzählt hat, hab ich mich gefragt: Was?! Wieso?! ICH hab doch nichts gemacht, oder? Man kommt sich wie etwas vor, das man unbedingt "loswerden" wollte, und ich meine, die Tatsache, dass ich nur ein Jahr alt war, macht die Geschichte total absurd. Ich dachte mir: Wen stört ein ein Jahr altes Kind?

Würdest du Vorarlberg als “Heimat” bezeichnen?
Yeliz: Heimat. Das klingt so traurig. Es gibt manche Fragen, auf die habe ich immer noch keine Antwort. Diese gehört zu dazu. Was ist Heimat? Ich bin es gewohnt, hier zu leben, wenn ich in die Türkei gehe, weiß ich, dass es nur ein Urlaub ist. Es gibt aber auch viele, die wollen unbedingt wieder zurück (in die Türkei). Ich weiß nur, Heimat ist irgendein Ort, wo man sich wohlfühlt, und ich fühle mich mit Menschen wohl, die ich liebe. Das sind Türken, Österreicher, alles mögliche.

Hast du in Vorarlberg so viel Rassismus erfahren, dass das ein wichtiges Thema beim Schreiben ist/wird?
Yeliz: Ja, ich hab schon selber auch einiges erlebt, aber von Freunden gehört hab ich viel mehr. Ich glaube sogar, die Menschen um mich hat es irgendwie immer schlimmer erwischt. Weil man sieht mir gar nicht an, dass ich Türkin bin. Und auf der Straße wirst du nur dann belästigt, wenn dein Aussehen "fremd" erscheint.

Nervt es, wenn du immer auf Deinen Migrationshintergrund angesprochen wirst, wenn es ums Schreiben geht?
Yeliz: Ich glaube, es ist wichtig, dass sich jemand dafür interessiert, wie sich "andere" Menschen in einem Land fühlen. Aber dass man dann immer darauf warten wird, dass ich diejenige bin die erzählt, was schlecht und gut ist, was die Migranten erleben, ist zuviel verlangt. Ich wäre gerne eine Person, die begabt ist. Der man gerne zuhört und deren Geschichten man gerne liest. Aber nicht, weil sie diesen bestimmten Namen hat, sondern weil sie eben das, was sie tut, gut kann.

Warum gibt es noch so wenige türkisch-österreichische Schriftsteller?
Yeliz: Da habe ich leider keine Ahnung. Ich höre oft, dass sich junge Leute für Schreiben nicht interessieren. Und in meinem Bekanntenkreis ist es auch so, unabhängig von der Herkunft.

Du bist in Vorarlberg geboren und aufgewachsen. Was stört dich am meisten an Vorarlberg? Über welches Problem würdest du heute schreiben, wenn du über Vorarlberg schreiben wolltest?
André: Ich glaube, die Vorarlberger sind fleißig und strebsam, aber es fehlt ihnen manchmal an Visionen. Man nehme die Verkehrspolitik – die einzige Lösung gegen die Blechlawine scheint zu sein, neue Straßen und Tunnels zu bauen, die noch mehr Verkehr anziehen. Was mir auch stinkt, ist dieser Sauberkeitswahn – überall werden Sträucher, Büsche niedergemacht, alles, was wild ist, muss weg. Wenn ich mir anschaue, wie das Leiblachufer noch in meiner Kindheit aussah, und wie kahl und verunstaltet es außerhalb des Schutzgebietes heute ist, wenn ich mich daran erinnere, welche Tiere es gab, als ich ein Kind war, die nun für immer verschwunden sind. Das erzählt ganz viel über Vorarlberg. Alles Wilde, Rohe muss ausradiert werden, alles muss schön sauber sein, der Rasen, die Autos, ein Land der Laubbläser, ein Land, in dem man mit Parolen wie „Lebenslang für Drogendealer“ Wahlen gewinnen kann. Ich habe mir schon ein Rendezvous vermasselt, weil ich aus Versehen mit meinen Schuhen auf einen Teppich gestanden bin, das gab ein böses Donnerwetter, da war die Sache erledigt. Genauso wird alles Unangenehme gerne ausgeblendet. Die fette Chronik über meinen Heimatort - wieviel steht da über die NS-Zeit? Dreimal darfst du raten. Als ich ein Kind war, habe ich das gespürt, dass irgendwas nicht stimmt. Fast wie in einem Horrorfilm, wenn sich die Idylle nach und nach als Albtraumort entpuppt. Dieses Leugnen oder Verdrehen der Vergangenheit, der Verbrechen, diese Sprüche, die man regelmäßig aufgeschnappt hat, wenn genügend Alkohol geflossen ist oder man glaubte, unter sich zu sein. Ich habe erst mit Ende 30 erfahren, dass ganz in der Nähe meins Heimatorts eine Außenstelle eines KZs war, dass ein 13-jähriger Zwangsarbeiter aufgrund erfundener Anschuldigungen aufgehängt wurde usw. ... Dafür hat in Vorarlberg der ORF 2007 die Erstpräsentation von „Bataillon d'Amour“ mit mir abgesagt, weil ich Glatze hatte und Doc Martens trug, das ist gelebter Antifaschismus, mit dem Politiker hingegen, der regelmäßig rassistische und antisemitische Rülpser von sich gibt, sitzt man lachend am Tisch. Aber Vorarlberg hat auch wunderbare Seiten, keine Frage! Sonst würde ich doch nicht immer wieder zurückkehren. Ich habe alte Freunde dort, auf die ich mich jedes Mal riesig freue, wenn ich sie wiedersehe. In vielen Bereichen des Umweltschutzes oder des öffentlichen Nahverkehrs ist Vorarlberg Spitzenreiter, und die Vorarlberger haben vor vielen Jahren verhindert, dass in Österreich ein Kernkraftwerk gebaut wird. Würde ich einen Roman schreiben, der in Vorarlberg spielt, würden wohl all diese Aspekte - die schönen wie die unschönen - eine Rolle spielen.

Fühlst du dich als Deutscher oder Österreicher? Oder Vorarlberger?
André: Ich kam als 10-jähriger Bub vom 950-Einwohner-Ort auf dem Land in die Stadt aufs Gymnasium und habe mich dort jahrelang wie ein Alien gefühlt. Nicht wenige Stadtkinder, meist aus besseren Familien, haben anfangs eine Arroganz an den Tag gelegt, die auf mich einschüchternd wirkte. In der Zeit wurde ich fanatischer Fußballfan von Bayern München und als Deutscher habe ich die deutsche Fußballnationalmannschaft unterstützt. Im Fußball für Deutschland zu sein, das hat in Österreich fast sowas wie Punk-Charakter, das hat mir einen Mordsspaß gemacht. Die beiden Vize-Weltmeistertitel '82 und '86 habe ich zelebriert. Ich glaube, wenn man sich irgendwo nicht wohl fühlt, flüchtet man sich in irgendwas, das einen von den anderen abgrenzt - für mich war der Fußball mein Zufluchtsort. 1992 zog ich nach Innsbruck und war sofort glücklich dort. Es liegt doch auch meist an einem selber, wenn man irgendwo nicht klar kommt oder sich nicht durchsetzen kann. Wenn ich aber wie letzte Woche in einer Schule in Vorarlberg eine Lesung halte, fühle ich mich zuhause, weil ich hie und da Dialekt sprechen kann, ohne unverständliche Blicke zu ernten. Mit meinem Vorarlberger Dialekt kann ich mich immer noch viel besser ausdrücken als mit Schriftdeutsch, da hat sich nichts geändert

Wo fühlst du dich wohler - in München oder Vorarlberg?
André: Bin ich auf dem Land, vermisse ich die Stadt, bin ich in der Stadt habe ich große Sehnsucht nach dem Land, vor allem im Frühling, wenn es nach Blüten duftet, nach dem ersten gemähten Gras auf den Wiesen. 

Was denkst du über die Migranten in Vorarlberg?
André: Da ich als deutscher Staatsbürger in Vorarlberg geboren und aufgewachsen bin, bin ich ja selber einer. Die Frage müsste also lauten: Wie denke ich als Migrant über die Vorarlberger? Nein, im Ernst: Ich hatte das Glück, so erzogen worden zu sein, dass es für mich nie einen Unterschied machte, ob wer schwarz, braun oder weiß ist oder woher jemand kommt. Rassismus ist eins meiner immer wiederkehrenden Themen, weil er einerseits so widerlich, andererseits auch so lächerlich ist. Ich versuche dabei alle Seiten zu beleuchten – meine Figuren sind Opfer und Täter, meine Figuren befinden sich oft in einem Graubereich. In “No llores - Weine nicht” verprügeln junge Türken einen Deutschen, das war 2005 noch so etwas wie ein Tabubruch, heute wird in Talkshows über Intensivtäter mit Migrationshintergrund eifrig diskutiert. Ich verachte den rechten Populismus und den Rassismus, den man in Österreich viel zu oft erlebt, reagiere aber auch etwas allergisch, wenn Probleme in dem Bereich unter den Tisch gekehrt werden. Böser Ausländer, guter Inländer ist genauso Schwachsinn wie umgekehrt, deshalb kommen in meinen Büchern Nazihools und rechte Spießbürger genauso vor wie prügelnde Türken und dealende Marokkaner, ohne dass ich das jetzt auf dieselbe Stufe stellen möchte. Der deutsche Grünenpolitiker Cem Özdemir musste kurzzeitig seine offizielle Facebookseite schließen, weil die Hasskommentare jedes Maß überstiegen. Und die Posts kamen nicht von Rechtsradikalen, sondern von Leuten, die sich bestimmt das ganze Jahr weinerlich über den Rassismus in Deutschland beklagen, aber nicht akzeptieren konnten, dass Cem ein Foto von sich mit Kippa an der Klagemauer in Jerusalem gepostet hatte. Es ist doch leider so, wie das eine österreichische Band mal gesungen hat: Es brauchen nur drei Menschen z'sammenkommen und schon is einer der Tschusch. 
 
WUT
Es steckt sehr viel Wut in dem, was du schreibst. Auf wen bist du sauer? Auf was?
André: Ich glaube, wenn man jung ist, darf man, nein, muss man sogar wütend sein. Auf die Welt, auf die anderen, auf sich selbst. Wenn man als junger Mensch nicht leidenschaftlich ist, wann denn? Jetzt bin ich älter, es hat sich leider nicht viel geändert, es gibt immer noch Hunger, Kriege, Ausbeutung, Rassismus, jede Menge Ungerechtigkeiten – aber ich sehe, so blöd das klingt, alles etwas entspannter. Ich hab nicht mehr das Gefühl, die Welt retten zu müssen, weil es ganz einfach nicht möglich ist. Nur hie und da sollte man einen Urschrei ablassen. Aber sonst – nicht vergessen, das Leben zu genießen! Ist verdammt kurz.

Bei deinen Romanen geht es um Gewalt. Um Menschen, die gewalttätig werden, weil sie niedergemacht wurden. Heißt es, du verstehst oder akzeptierst Gewalt?
André: Ich verstehe Gewalt, ja, in gewissen Situationen, ohne sie zu entschuldigen. Die Einsamkeit, Wut und Verzweiflung von Amokläufern oder Terroristen hab ich oft gut nachvollziehen können – ohne dass das etwas daran ändert, dass diese Taten schrecklich sind. Ich glaube auch, dass manchmal Gewalt nötig ist, um Schlimmeres zu verhindern. Diese Leute, die feiern, dass die USA nicht in Syrien eingegriffen haben, die glauben, das hätte einen Krieg verhindert, wissen die denn, dass dort längst Krieg ist und dass das Morden dort unvermindert weitergeht? Dass durch ein Nichteingreifen die gemäßigten Rebellen so gut wie erledigt sind, während die radikalen Wirrköpfe immer stärker werden? Da wird seit Monaten gemordet und gefoltert, fremde Söldner und Soldaten sickern ein, aber man geht erst auf die Straße und schreit PEACE, wenn der Ami eingreifen will, und tut er es dann mal nicht, werden die Plakate wieder eingerollt, das weitere Schicksal der Menschen vor Ort interessiert nicht mehr. So einen Pazifismus nehme ich nicht ernst.

Auf was bist du wütend?
Yeliz: Auf Rassisten. Ich bin wütend auf die Menschen, die jemanden hassen können, weil er anders ist. Ich bin wütend auf Menschen, die es selber tun, was sie bei den anderen hassen. Ich bin wütend auf Menschen, die Ungerechtigkeit erlauben. Ich bin häufig wütend auf Menschen.

Was tust du, wenn du wütend bist?
Yeliz: Ich schreibe meistens mit einer passenden Musik im Hintergrund. Darauf bin ich auch wütend. Ich würde gern mehr tun, außer nur zu schreiben.

BÜCHER
Welches Buch hat dich unendlich gelangweilt?
Yeliz: Ich stelle immer nach ca. 20 Seiten fest, ob ein Buch langweilig ist, dann schließe und vergesse ich es.

Nenne mir bitte einen Roman, der dich vom Hocker warf!
Yeliz: „19 Minuten“ von Jodi Picoult. Da ging es um einen Amoklauf an einer Schule.

Wie alt warst du, als du mit Schreiben angefangen hast?
André: Ernsthaft zu schreiben – erst mit 26, 27. Alles andere davor war Gejammer und heiße Luft.

Es gibt ein altes Gesetz, das besagt, dass nur gut schreiben kann, wer viel liest – liest du viel? Und wenn ja, welches Genre, welche Autoren?
Yeliz: Lesen ist gut, um Ideen zu sammeln. Schreiben, ohne davor viel gelesen zu haben, wäre sehr unpraktisch. Man wäre sicher sehr einfallslos und langweilig. Lesen ist nicht nur fürs Schreiben gut. Es tut auch der Seele gut. Man fängt an Menschen zu verstehen und sich für sie zu interessieren und nicht oberflächlich zu denken. In der Hauptschule konnte ich in einer Woche mehrere Bücher lesen, meistens schon Romane. Aber Oberstufe kann schon sehr stressig sein. Da muss ich mich zusammenreißen. Ich finde Fantasy leider langweilig. Lese eher Romane, die Verlierer beschreiben. Deswegen lache ich mich auch immer tot, wenn ich in einem Buchgeschäft Bücher wie „10 Schritte zum Erfolg“ sehe. Kann ich einfach nicht ernst nehmen. Ich bevorzuge Romane mit interessanten Antihelden, da ist mir mehr oder weniger der Autor egal.

Wieviele Bücher liest du durchschnittlich im Jahr?
Yeliz: In der Hauptschule hatte ich jede Woche eines gelesen. Jetzt habe ich keine Ahnung mehr. Aber definitiv nicht jede Woche ein Buch.

Wieso ist "Man Down" dein Lieblingsbuch?
André: Ich hab dir das verraten? Okay, stimmt. In dem Buch stecken viele echte Gefühle, intensive Gefühle, die ich für Menschen empfunden habe, und ich konnte die umsetzen in eine fiktive Geschichte mit fiktiven Charakteren. Lese ich aus „Man Down“ eröffnen sich mir zwei Ebenen: Die fiktive Geschichte von Kai und Marion und die wirkliche Geschichte, meine eigene Vergangenheit. In „Man Down“ steckt viel von mir, ohne dass ich das dem Leser ins Gesicht reibe. Es hat mich witzigerweise nur ein einziger Journalist in einem Interview gefragt, ob ich einen Bruder hätte, da er fand, dass Bruderliebe ein zentrales Thema von „Man Down“ sei, in anderen Kritiken oder Interviews kam das überhaupt nicht vor, dabei war das ein wichtiger Aspekt der Geschichte für mich.

SCHREIBEN
Was bedeutet für dich Schreiben?
André: In all meinen Texten geht es um das Leben und den Tod. Um Liebe und Hass. Vielleicht ist Schreiben meine Konfrontation mit der Tatsache, dass die Menschen, die ich liebe, sterben müssen, dass ich sterben muss. Ja, vielleicht ist Schreiben für mich die Auseinandersetzung mit dem Tod und zugleich ein Zelebrieren des Lebens. Meine Hauptfiguren fürchten den Tod, verachten ihn aber auch. Sie sind bereit, ihr Leben für etwas oder jemanden zu geben. Und sie lieben dennoch das Leben bedingungslos. 
 
Was war der Grund, wieso du als Jugendlicher mit dem Schreiben angefangen hast?
André: Am 4. Juni 1986, meinem vierzehnten Geburtstag, spielte Deutschland bei der WM im Mexiko gegen Uruguay, und meine Oma schenkte mir ein Tagebuch. Grün war es, das Tagebuch, und bald mein bester Freund. Werde ich nie vergessen. Das war ein Stück Freiheit, alles niederzuschreiben, was ich sonst niemandem erzählt habe, Freunde in der Schule hatte ich zu dem Zeitpunkt keine.

Möchtest du Schriftstellerin werden? Ist es ein Ziel, ein Wunsch, ein Traum?
Yeliz: Ja, ich kann es mir nicht vorstellen, nicht zu schreiben. Es wäre natürlich toll, wenn das, was ich schreibe, veröffentlicht wird, aber wenn nicht, würde ich deswegen nicht aufhören zu schreiben.

Über was würdest du niemals schreiben?
Yeliz: Das ist echt schwierig zu sagen. Ich liebe es, über alles zu schreiben. Aber ich würde niemals etwas schreiben, was gewisse Menschengruppen, Nationalitäten oder Religionen verletzt. Sie kritisieren kann jeder, klar, aber sie als lächerlich darzustellen, geht meiner Meinung gar nicht.

Hast du auch Momente, in denen du über vieles schreiben willst, aber sobald du vor dem Computer sitzt einfach nichts mehr schreiben kannst?
André: Nein, sowas passiert mir nie. Wenn ich voller Ideen bin, muss ich mir ums Schreiben keine Sorgen machen.

Wenn du mit einem Autoren zusammenarbeiten dürftest, wen würdest du wählen?
André: Vom Stil her würde ich gerne mit Irvine Welsh zusammenarbeiten, von der Persönlichkeit her mit Henry Rollins, um zu lernen von Cormac McCarthy. Es gibt aber auch zahllose grandiose Drehbuchschreiber, mit denen es bestimmt jede Menge Spaß machen würde.

Du hast erwähnt dass du jetzt viel "relaxter" bist, heißt es, es hat sich auch viel an deiner Schreibweise verändert?
André: Die Frage stelle ich mir auch oft. Bin ich reif für eine Komödie? Aber dann denk ich mir, dass auch in den vier Romanen, die ich bisher geschrieben habe, nicht nur alles Drama ist. Die Dialoge in „Man Down“ z.B. zwischen Shane und Kai – darüber kann man ja lachen, wenn man die Art von Humor mag.

Hattest du je Momente, wo du gedacht hast "Okay, ich höre auf zu schreiben - bringt eh nichts!"
André: Es gibt Augenblicke, in denen man frustriert ist und sich fragt, warum man sich das Ganze antut, keine Frage. Der ORF sagte, wie ich schon erwähnt habe, 2007 die Erstpräsentation von “Bataillon d'Amour” ab, weil die Redaktion fand, dass ich ein politischer Extremist sei, eine dermaßen lächerliche Provinzposse, da hat man schon Lust, alles hinzuschmeißen, im Endeffekt hat mich das dann aber nur angetrieben, es denen zu zeigen. Und naja, die Bestsellerlisten schaut man sich auch besser nicht an, da wird einem oft klar, dass Millionen Fliegen nicht irren können und Scheiße gut schmeckt.

Schreibst du auch auf Türkisch? Wenn ja, was fällt dir leichter? Wenn nein, warum nicht?
Yeliz: Ich schreibe auch auf Türkisch. Meistens nur Gedichte. Ich finde die türkische Sprache kann sehr schön leiden und einen auch leiden lassen. Da fällt mir schon Nâzım Hikmet ein. Wenn ich seine Gedichte lese, bekomme ich Lust, selber welche zu schreiben.

Du hörst also meistens Musik beim Schreiben. Schreibst du zuhause? Im Bus? In der Schule? In einem Café?
Yeliz: Wenn ich eine tragische Stelle schreiben will, höre ich traurige Lieder. Auch Stücke von Yann Tiersen. Das hilft sehr. Wenn ich einen Streit beschreibe, höre ich eher laute, schnelle Lieder. Ich kann nur zu Hause schreiben.

Als ich jung war wie du, habe ich auch geschrieben, und mir dabei oft gedacht: Das darf jetzt keiner lesen! Das ist zu privat, zu intim, zu direkt. Hast du manchmal Texte, die du nie jemanden lesen lassen würdest?
Yeliz: Das denke ich bei jeder Geschichte, die ich schreibe. Ist sehr komisch. Wenn ich schreibe, denke ich nie an die Leser, da gibt es keine Einschränkungen, aber wenn die Geschichte in einer Zeitung veröffentlicht werden soll, frage ich mich, ob es irgendjemanden stören könnte, was ich geschrieben habe. Ganz schlimm ist es, wenn ich meine Gedichte jemanden zeige, da bin ich froh, wenn sie gar nichts sagen, die sind nämlich schon sehr intim. Aber auf der anderen Seite will ich auch unbedingt wissen, was andere über meine Gedichte und Geschichten etc. denken. Meistens klicke ich mit geschlossenen Augen auf senden. In der Klasse hat man ich mal gebeten, meine Geschichte laut vorzulesen, die in der Zeitung veröffentlicht wurde, ich hab gesagt, dass ich das nie im Leben tun würde, und falls jemand sie vorlesen will, mir es sagen soll, damit ich das Zimmer verlassen kann. Deswegen klingt meine Stimme auch sehr komisch, wenn ich die Geschichten vorlese. Zuhause proben, mich vor dem Spiegel stellen und dann fließend sprechen, das kann ich perfekt. Aber sobald jemand vor mir steht, stottere ich jede zweite Sekunde.

Du liebst Theater, zu welchem Thema würdest du gerne ein Stück schreiben?
Yeliz: Ich liebe es wenn ein Theaterstück witzig, gesellschaftskritisch und traurig gleichzeitig ist. Ich probier's ja, aber im Moment klappt es nicht wirklich.

Wirst du aufgrund deiner Schreibweise (also wegen F-Wörtern usw.) von Lesern negativ kritisiert?
André: Auf Amazon-Rezensionen auf jeden Fall, das kriegt man ja so am Rande mit, aber das macht mir nichts aus. Blöd ist, wenn man deswegen auch keine Chance hat, einen Literaturpreis zu bekommen. Einigen verklemmten Kritikern schlackern da die Ohren, die verbinden das F-Wort sofort mit Trash.

Wie ist es mit den Interviews? Hast du dich je für etwas bereut was du gesagt hast?
André: Bei Live-Interviews natürlich. Ich bin kein Profi in der Beziehung, ich hab keine Standardanatworten parat, die ich jedes Mal runterleiere, das würde mich langweilen. Manchmal merke ich aber schon, während ich spreche, dass es Mist ist, oder ich stottere rum. Sowas kann peinlich sein.

Wie gehst du mit negativen Leserkommentaren um? Verletzt dich so etwas, oder kannst du es einfach akzeptieren? Und beeinflusst dich das beim Schreiben?
André: Sagen wir so – ich habe so unglaublich viele positive Kommentare bekommen, dass mich die negativen nicht jucken müssen. Es wäre wohl anders, würde ich für einen Roman nur negative bekommen. Es gibt negative Kritiken, die ich ernst nehme, ich denke schon nach, was könnte ich anders machen, besser machen, neu probieren. Es gibt aber auch welche, die sind bloß bösartig, da fragt man sich schon, wann und wo habe ich der Person ans Bein gepinkelt? Ein paar Leute, immer dieselben, haben z.B. „Man Down“ in mehreren Foren niedergemacht, stets mit dem Hinweis, dass der Autor ein Vollidiot sei, seine Leser Hooligans. Aber hat hat ja keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, man kann solchen Trolls ja nur in Jesse-Pinkman-Manier sagen: GET A LIFE, BITCH!