Monday, August 26, 2013

Götterdämmerung

Wir Deutschen lieben den Frieden, und wir werden nicht müde, das auf Facebook zu posten. Das ist gut und schön, wäre es bloß keine Heuchelei. Denn wer ist Kriegswaffenexporteur Nr. 3 auf der ganzen Welt? Wer liefert Waffen an nicht-demokratische Regierungen und zuckt mit den Achseln, wenn diese gegen Demonstranten zum Einsatz kommen, die für mehr Demokratie kämpfen? Deutschland liebt den Frieden, aber wer bricht Handelsembargos gegen Diktatoren, wenn sie bestehen? Nicht selten deutsche Firmen. Auch erinnere ich mich an einen Luftangriff in Afghanistan, von einem Deutschen befehligt (einem Oberst, der mittlerweile zum Brigadegeneral (!) befördert wurde), ein Angriff, der 142 Menschen (darunter viele Kinder) das Leben kostete, ein Ereignis, das in Deutschland kein großes Echo ausgelöst hat. Ausgerechnet die BILD brachte den Fall zum Köcheln, nachdem er von sämtlichen Medien so gut wie ignoriert worden war, aber die Bevölkerung ließ er eher kalt.

Unser Außenminister redet gerne vom Frieden, wenn es um Syrien geht. Aber mal ehrlich: Gibt es in der Geschichte auch nur einen einzigen Diktator, den solche Worte zur Einsicht gebracht hätten, wenn Westerwelle im selben Atemzug nicht müde wird zu erklären, ein militärisches Eingreifen in dem Fall sei völlig ausgeschlossen?

In Syrien wurden über 100.000 Menschen getötet, 6,8 Millionen Menschen sind geflüchtet oder auf der Flucht (man versuche sich diese ungeheuerliche Zahl vorzustellen! GANZ Österreich ohne die Hauptstadt wäre auf der Flucht), 1000e sind verschwunden und zu Tode gefoltert worden (unabhängige Menschenrechtsgruppen und UNO bestätigen das, die Quellen sind nicht wie damals im Irak von den USA erfunden), es wurden gezielt Wohngebiete aus der Luft bombardiert, es ist mittlerweile wahrscheinlich, dass Assad Massenvernichtungswaffen einsetzt (der Giftgaseinsatz ist von Ärzten ohne Grenzen so gut wie bestätigt und dass die syrische Regierung die UN-Inspektoren, die nur 30 min entfernt waren, tagelang nicht vor Ort ließ, spricht für sich), der Konflikt droht auf den Libanon überzuspringen, ein kurdischer Führer im Irak kündigt bereits an, den Brüdern in Syrien zu Hilfe zu kommen usw. - jetzt sag mir einer, dass seit der Beginn der Proteste vor knapp 2 1/2 Jahren das nicht-militärische Eingreifen des Westens (bzw. das Nichtliefern von Waffen an gemäßigte Rebellen, was auch eine Option gewesen wäre, aus heutiger Sicht vielleicht sogar die beste, wäre sie früh genug erfolgt), irgendetwas gebracht hätte.
Solange Russland Assad aktiv unterstützt und auch China sich zumindest hinter ihn stellt, wird sich nichts ändern. Also – entweder sofort volle diplomatische Power gegen Putin (man möchte fast wie Loriot rufen: Ja, wo bleibt sie denn? Ja, wo bleibt sie denn?) oder man muss, so schlimm das scheint, militärische Optionen ins Auge fassen.

Vielleicht ist ein militärisches Eingreifen ein Fehler, wer weiß – das wird sich, sollte es dazu kommen, in ein paar Monaten herausstellen. Aber die Tür zur Hölle wurde in Syrien längst aufgestoßen, der Flächenbrand ist schon so gut wie entfacht, und wer noch länger zuschaut, der wird sich genauso verantworten müssen für das, was geschieht, wenn es so weitergeht wie bisher, wenn Assad weiter mordet, wenn weiter islamistische Rebellen von Drittstaaten finanziert einsickern, wenn weiter Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden, wenn weiter Menschen radikalisiert werden und schließlich der Libanon mitbrennt. 
Wir Deutschen blicken wieder mal verächtlich auf die bösen, kriegshungrigen Amerikaner. Aber wir haben keine Lösung anzubieten, seit 2 1/2 Jahren nicht. Wir demonstrieren nicht gegen Assad, nicht gegen Putin, nicht gegen unsere lahme Regierung oder die nicht-vorhandene EU-Außenpolitik, aber wehe, wenn der böse Ami loslegt, dann werden wieder 100.000 auf der Straße sein.

Das Leben ist so einfach, wenn es Gut und Böse gibt, und es ist so schön, wenn man bei den Guten ist und man den eigenen Arsch im sicheren Europa hat (mal abwarten, wenn die deutschen Gotteskrieger heimkehren, die zurzeit in Syrien an der Front sind). Wir machen in ein paar Jahren einen Film über Homs, der uns zu Tränen rührt, der in Cannes Preise gewinnt und vielleicht sogar den Oscar. Aber dann ist das Thema Syrien auch mal abgehakt. Bis dahin führen Amis und Israelis bestimmt wieder etwas Neues im Schilde, gegen das man auf Facebook wütend protestieren kann.*

* (und ja, das ist mir doch klar, dass ich auch nur ein Facebook-Poster bin, ein Blogger, der sich aufregt im sicheren Europa, ich bin ja auch nicht vor Ort, ich wäre doch auch zu feig dafür ... Es ist eben alles nicht einfach, aber bei all dem pro-Assad-gegen-Amis-Geschrei wird man manchmal wütend, gerade, wenn man die Entwicklungen in Syrien von Anfang an ein wenig verfolgt hat) 

* Weil ich gefragt wurde - nein, ich fand den Irakkrieg nicht toll, ich finde ganz vieles an der US-Außenpolitik fürchterlich, aber das heißt doch nicht, dass man von Fall zu Fall neu beurteilen darf, kann, muss ...