Thursday, March 21, 2013

Tour d'Afrique (Hardy Grüne)


Als ich acht Jahre alt war, brachte mir mein Cousin von einer Tankstelle ein kleines BP-Bundesligaheft mit. Ich weiß noch, dass Paul Breitner auf dem Cover war und ein Hamburger Spieler, der ihm in die Beine grätscht. Ich weiß auch, dass ich Feuer und Flamme für das Heftchen war, waren doch alle Mannschaften mit Foto aufgeführt, sämtliche Spieltage aufgelistet. Schon in der nächsten Saison machte ich mein eigenes Fußballbuch, schrieb alle Resultate auf und kommentierte die wichtigsten Spiele (nicht immer ganz objektiv, zugegeben, aber immer bemüht, es einem guten Sportjournalisten gleichzutun). Ich konnte es mir nicht leisten, selber Fußballbücher zu kaufen, aber ich bekam immer wieder welche geschenkt. Die “Fußball-Weltgeschichte” von Karl H. Huba aus dem Copress-Verlag wurde meine Bibel. Ich habe unzählige Stunden mit dem Buch verbracht, die Texte gelesen, die Statistiken studiert, die Fotos bewundert. In den Jahren darauf habe ich viele Sportbücher gekauft, leider auch sehr viele wiederverkauft, aber hätte ich das Geld gehabt, würde meine Wohnung wohl mit Fußballbüchern von oben bis unten zugepflastert sein. Nicht wenige Bücher sind schlecht geschrieben, sind auch naiv geschrieben (man lese mal die hämischen Bemerkungen in WM-Büchern aus dem Jahre 1978 über die Kritiker, die das Nahverhältnis FIFA-argentinische Militär-Junta anprangern, oder an den chilenischen Demonstranten, die 1974 dagegen protestierten, dass während eines WM-Qualifikationsspiels Chiles Regimegegner in den Katakomben des Stadions festgehalten wurden), ich finde, hier hat sich qualitativ einiges getan, was Verlagen wie z.B. DIE WERKSTATT und Autoren wie Dietrich Schulze-Marmeling oder Hardy Grüne zu verdanken ist. Letzterer lieferte mir mit seiner WM-Enzyklopädie so etwas wie das Nachfolgewerk der Fußball-Weltgeschichte. Mit über 600 Seiten fand ich dort alles über die Fußball-Weltmeisterschaften, und das war so unterhaltsam geschrieben, dass ich nicht einmal Farbbilder vermisste. Hardy Grüne hat es auch vermieden, kritische Worte an FIFA, Kommerz, Menschenrechtsverletzungen in Veranstaltungsländer usw. auszusparen. Überhaupt muss man erwähnen, dass heute so viele Aspekte der Fußballvergangenheit wie noch nie aufgearbeitet werden (Rassismus, Nationalsozialismus, Fankultur, Gewalt usw., genial in dem Zusammenhang fand ich auch die WM-Serie der SÜDDEUTSCHEN), und das ist gut so. Bemerkenswert, dass selbst einige ULTRAS die Geschichte ihrer Vereine in den letzten Monaten thematisiert haben (Nürnberg, München ...). Dass ein 14-jähriger Bayernfan in der U-Bahn seinen Kumpels die Geschichte über den jüdischen Präsidenten Kurt Landauer erzählt, der in seinem Exil in der Schweiz von den Bayernspielern gegen ausdrücklichen Befehl der Nazis gegrüßt wurde (was einigen Spielern den Fronteinsatz bescherte), ist doch mehr als bemerkenswert. 

Witzigerweise hat der erwähnte Hardy Grüne nun ein Buch geschrieben, dessen Sport mich nie interessiert hat. Es geht ums Radfahren. Grüne hat eine Tour durch Afrika gemacht, und sein Buch “Tour d’Afrique: 12.000 Kilometer Radrennen von Kairo nach Kapstadt” beschreibt in einer Art Tagebuch diese wahnwitzige Herausforderung. Hätte Grüne ein weiteres Fußballbuch geschrieben, ich hätte mich mit großer Begeisterung ans Lesen gemacht, in dem Fall habe ich mir nicht gar so viel erwartet – eben weil das Radfahren für mich seit Jahren keine Relevanz mehr hat. Ich habe aber angefangen zu lesen und nicht mehr aufgehört. Das Buch ist höchst unterhaltsam, ich hab’s in einem Rutsch gelesen, das Spannende ist die Verknüpfung von ganz persönlichen Schilderungen und dem Erzählen über Afrika. Manchmal bemitleidet man den Autoren wegen der Strapazen, manchmal beneidet man ihn um das Abenteuer. Das Buch ist für alle Radsportfans ein Muss, gerade für die, die selber große Touren fahren. Es ist aber genauso für die lesenswert, die mit dem Radsport – wie ich – nichts am Hut haben. Ich liebäugle auch schon damit, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf ein Rad zu steigen. Und zwar nicht 12.000 Kilometer durch Afrika zu fahren, aber immerhin den Bodensee zu umrunden. Buch wird’s darüber aber keines geben, also besser Hardy Grünes lesen.

Hardy Grüne, Tour d'Afrique
12.000 Kilometer Radrennen von Kairo nach Kapstadt
ISBN: 978-3-7688-5345-3
280 Seiten, 40 Farbfotos, Karten
19,90 Euro


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