Wednesday, November 21, 2012

Antisemitismus_2012

In diesen letzten Tagen seit der Tötung des Hamas-Militärchefs in Gaza tobt auch bei uns wieder die wilde Diskussion um Israel, die Palästinenser, diesen ewigen Nahostkonflikt. Ich wundere mich ja, wieviele Experten es da plötzlich in Deutschland gibt, Nahost-Experten, die gewiss über die Konfliktparteien in der Gegend, die Geschichte Israels und die Kriege der Vergangenheit bestens Bescheid wissen. Nahostexperten, die die Hamas für Mutter Theresa halten und nun wütend toben, weil nach wochenlangem Raketenbeschuss die israelische Regierung zurückschlägt, Nahostexperten, die all die Monate, da in Syrien Menschen gefoltert, massakriert und verschwunden sind, geschwiegen haben. (sie werden immer noch getötet, die Menschen in Syrien)

Man muss nicht Israels Politik der letzten Jahre gutheißen, ich halte sie zum Teil für selbstherrlich, überheblich und auch in hohem Maße selbstmörderisch (warum zum Teufel hat man sich z.B. mit der Türkei, diesem wichtigen Verbündeten, angelegt, anstatt die Freundschaft zu wahren und die Freundschaft für Friedensverhandlungen in Krisenzeiten zu nutzen?). Der Beschuss von Wohngebieten heiße ich nicht für gut (wobei zu bedenken ist, dass die Hamas bzw. islamistische Splittergruppen natürlich mit Absicht ihre Raketen von dort abschießt, wo ein Vergeltungsschlag viele zivile Opfer fordert), aber ich möchte jetzt gar nicht diesen Konflikt diskutieren oder eine Lösung vorschlagen.

Was mich in den letzten Tagen sprachlos gemacht hat, ist das, was im Internet abgeht. Natürlich brodelt bei solchen Diskussionen unter dem Deckmantel der Israelkritik der Antisemitismus. Mit jeder Eskalation des Konflikts wird es schlimmer, mit jedem Mal werden die Leute aggressiver. Es gibt eine Standardausrede für auch jeden noch so großen Blödsinn: “Ja, man wird doch noch Israel kritisieren dürfen!” -------- Hey, Leute, ich sag euch jetzt mal eines: IHR DÜRFT ISRAEL KRITISIEREN! Das geschieht ständig, überall, im Internet, auf der Straße, ja, man darf es, keiner kommt in den Knast deswegen, keiner ist ein Nazi deswegen, keiner wird gemobbt, im Gegenteil, im Internet kriegt man viele Gefällt mir-Klicks, wenn man Israel eins überbrät, viel  mehr, als wenn man mal was pro Israel postet. Natürlich muss sich aber auch jemand, der die Politik Israels mit dem Massenmord des NS-Terrorregimes gleichsetzt, auch den Vorwurf gefallen lassen, entweder ein Dummkopf zu sein (denn er kann von Geschichte keine Ahnung haben, keine Ahnung von den Gaskammern, den Vernichtungskriegen, dem Verhungernlassen von Kriegsgefangenen, den Blockaden von Städten, um die Bevölkerung verhungern zu lassen usw.) – oder ein Antisemit (denn viele Kommentare machen deutlich, dass mit Israel der Jude gemeint ist, scheißegal, ob Juden nun in Israel oder in den USA die Politik der israelischen Regierung gutheißen oder nicht). Wenn jemand wie Günther Grass Tatsachen verdreht oder ausblendet (Herr Grass, woher kommen die Raketen für die Hamas? Doch nicht etwas großteils aus dem Iran, der hat doch nur Friedliches im Sinn), dann muss er sich auch der Kritik stellen.

Ich erwarte mir freilich nichts anderes als Schwarz-Weiß-Malerei von Rechtsradikalen und auch nicht wenigen Linksradikalen oder Antifaschisten, die auf Facebook sich fröhlich mit Menschen befreunden, die die Auslöschung Israels propagieren und Bin Laden auf ihrer Pinnwand als Freiheitskämpfer feiern. Eine neue Dimension ist der Hass, der von Menschen mit Migrationshintergrund artikuliert wird – hier vor allem von jungen Muslimen. Natürlich gibt es auch dort besonnene Stimmen, gibt es Leute, die den Konflikt als das verstehen, was er doch ist – höchst kompliziert, von beiden Seiten oft grausam geführt, nicht gut-böse. Aber es gibt eben viele junge deutsche Muslime, die im Internet in Kommentaren die Vergasung von Juden fordern, die Hakenkreuze posten, die Adolf Hitler hochleben lassen. Das sind keine Einzelfälle. Man kann in wenigen Minuten unzählige solcher Geschmacklosigkeiten sammeln. Und das sind keine Provokationen, man spürt da, wie tief zum Teil der Hass sitzt, bei Widerrede gibt’s dann Nachrichten, wie eine befreundete Kurdin sie sammeln durfte: “Ich bring dich um du Judenfotze!"

Anti-Rassismus-Organisationen in Deutschland müssen endlich auch einsehen, dass es einen aggressiven Antisemitismus von Leuten gibt, die lange Zeit (für viele bis heute) immer nur als Zielscheibe von Rassismus betrachtet wurden. Immer nur als Opfer galten. Wenn das verschlafen wird, dann darf man sich nicht wundern, dass man in Deutschland in gewissen Straßen besser nicht spaziert, wenn man als Jude erkennbar ist. Noch ist es so, dass man auf den Anti-Rassismus- und AntiFa-Facebookseiten rasch niedergemacht wird, wenn man das Thema anschneidet, zum Teil in sehr aggressiver Weise. Angesichts der Terrorserie der NSU, des weitverbreiteten Rechtsradikalismus in weiten Teilen der Republik ist der Rassismus, der sich etwa auch gegen Deutsche (ohne Migrationshintergrund) richtet, noch immer verschwindend klein. Aber er existiert.

Ich habe lange vor der Aufdeckung der NSU-Mordserie den Nazi-Mob im Internet beschrieben. Man hat mich nicht wirklich ernst genommen, auch nicht von Politikern, die sonst Rassismus sehr ernst nehmen. Es wäre ein Spaß, ein paar Emails zu veröffentlichen, aber ich möchte nicht als Besserwisser dastehen. Jahre später gab's dann Talkshows und Artikel en masse, offene Münder bei Politikern, Journalisten, Normalbürgern. Ich sage jetzt abermals: Es ist höchste Zeit aufzuwachen und gegenzusteuern. Mit Aufklärung, mit Jugendarbeit, auch mit Sanktionen. Es ist höchste Zeit, dieses Problem wahrzunehmen. Der Zeit voraus ist hier auch wieder einmal das Archiv der Jugendkulturen in Berlin, das bereits Projekte anbietet: http://www.jugendkulturen.de/new-faces.html Aber wie so oft, wird genügend Geld bestimmt erst dann wieder bereitgestellt, wenn Feuer am Dach ist. Es ist das alte Lied.