Tuesday, September 4, 2012

Vergangenheit, die nicht vergehen will

1986 war ein wichtiges Jahr in meinem Leben. 1986 war für mich so was, was 1989 für Deutschland war. Ein Revolutionsjahr. Ich fand die alten Rockplatten meines Vaters und damit teilt sich mein Leben in eine Zeit, bevor ich Eric Claptons Live-LP „Just One Night“ das erste Mal hörte, und der Zeit danach. Ich verfiel der Musik, stellte meine Klassische Gitarre in die Ecke, klaute Papas Tokai-Les-Paul-Kopie und wollte nur noch eines – Rockgitarrist werden. 1986 schenkte mir meine Großmutter ein Tagebuch zum Geburtstag. Natürlich hab ich davon niemand erzählt, weil Tagebücher Mädchensache waren und obwohl die Heavy-Metalgitarristen damals wie Mädchen aussahen, konnte ich das Risiko nicht eingehen, meinen Ruf, den ich gerade mühsam dabei war aufzubauen (u.a. mit einem schwarzen Nietenlederarmband und einem Jimi-Hendrix-Spruch auf meiner ausgewaschenen Jeansjacke), zu verlieren. Ich weiß nicht, ob ich Schriftsteller geworden wäre, hätte ich damals nicht dieses kleine grüne Buch bekommen, hätte ich nicht angefangen E-Gitarre zu spielen und bald schon Songtexte zu schreiben. 1986 starb mein Großvater und damit zum ersten Mal ein geliebter Mensch in meinem Leben. Und etwas anderes geschah 1986, ein Ereignis, das mit voller Wucht auf mein bisheriges Leben prallte und ihm eine neue Richtung gab: In Tschernobyl flog ein Atomkraftwerk in die Luft – und als der Regen den nuklearen Abfall über meinem Land auswusch, war der Regen rot. Er war in meiner Erinnerung rot und auch wenn es keine wissenschaftliche Erklärung dafür, das kleine grüne Buch ist mein Zeuge, der Eintrag ist mit blauer Tinte geschrieben und er wurde geschrieben, als noch niemand hier wirklich wusste, was da in der Sowjetunion geschehen war: Der Regen war rot.

„Mein“ Tschernobyl kann man nur verstehen, wenn man die Vorgeschichte kennt. Ich habe mich schon im Kindergarten für Politik interessiert. Kalter Krieg, Ayatollah, Afghanistan, Palästina, ich war süchtig nach Bildern, Geschichten, nach den Nachrichten und Reportagen und somit hab ich auch die aufkommende Anti-Kernkraftbewegung verfolgt. Kernkraftgegner wurden damals nicht selten pauschal mit Terroristen/Chaoten gleichgestellt. Gewaltbereit, asozial, linksradikal. Die Polizei ging mit aller Härte vor, CS-Gas, Gummigeschosse, Knüppel, Einsätze, bis das Blut in Strömen floss, und auch die Gegenseite war nicht immer zimperlich. Autonome beteiligten sich an den Auseinandersetzungen, auch Polizisten wurden verletzt. Unvergessen auch der legendäre Hamburger Polizeikessel, bei dem 600 Demonstranten beinahe 16 Stunden lang gefangen waren – ohne Essen, Trinken oder Gang aufs Klo. Zu Bürgerkriegsszenen führten die Auseinandersetzungen in Wackersdorf, wo eine Wiederaufbereitungsanlage errichtet werden hätte sollen. Die Bilder haben mich als junger Mensch zutiefst verstört. Die vermeintlichen Demokraten verteidigten ihre Gewaltorgien, indem sie Gegner ihrer Politik als Chaoten, Linksradikale, Terroristen bezeichneten und sie damit zu Menschen zweiter Klasse degradierten. Ich war verstört, weil ich damals noch überzeugt war, dass die deutsche Demokratie eine gute war. Es gab vieles, das mich an der Tagespolitik störte, aber Deutschland war nicht die USA des Ronald Reagan, die in Mittelamerika Zivilisten foltern und morden ließ, um die vermeintliche Freiheit gegen die Kommunisten zu verteidigen.

Die Gewaltexzesse in Wackersdorf haben mein Glauben an das System erschüttert. Und dann kam Tschernobyl, fiel der rote Regen, gab es all die Lügen (Rita Süßmuth hat wenigstens heute den Mut, einzugestehen, dass man im Grunde keinen Plan hatte, was vor sich ging, und dass man gelogen hat, dass sich die Balken bogen), und die Auseinandersetzungen wurden noch heftiger. Vor Tschernobyl sagten die Mächtigen in Deutschland, die Atomkraft sei 100prozentig sicher, nach Tschernobyl sagten sie, die Kernkraftwerke in Westeuropa wären sicher, der Unfall könne nur im kommunistischen Osten passieren (das Kernkraftwerk Forsmark in Schweden im Juli 2006 stand knapp vor einem GAU, danach behaupteten Politiker ernsthaft, etwas Derartiges sei in Deutschland nicht möglich, vor Fukushima galten die japanischen Kernkraftwerke als absolut sicher, nach Fukushima behauptet man, in Deutschland könne es keinen Tsunami geben (kann es auch nicht, aber es kann etwas anderes sein). Ich bin mir ja fast sicher, dass bei einem Unfall in einem norddeutschen Kernkraftwerk die bayerische Staatsregierung verkünden würde, dass ein solcher Störfall in einem bayerischen Akw völlig ausgeschlossen sei).

Tschernobyl war der Sargnagel für den Bau der WAA in Wackersdorf, über 100.000 Menschen kamen zum Anti-WAAhnsinns-Rockfestival, bei dem deutsche Rockgrößen auftraten, und es nützte auch nichts, dass Franz Josef Strauß mehrmals die Grenzen zu Österreich dicht machte, um österreichische Kernkraftgegner bei der Einreise zu hindern. Der Widerstand, jetzt bundesweit und auch in bürgerlich-konservativen Kreisen, war zu groß.

Wackersdorf und Tschernobyl haben mich geprägt, wie viele Menschen in den USA vielleicht durch den 11. September geprägt wurden. Sowas vergisst man nicht. Sowas beeinflusst alles künftige Denken und Handeln und Fühlen. Da waren zu viele Lügen, die bis heute weiterleben, da sind Narben geblieben, auch wenn ich als 14-Jähriger nicht auf die Demonstrationen in Wackersdorf durfte und keinen Knüppel und kein CS-Gas abbekommen habe. Als die Bundesregierung kurz vor Fukushima den Ausstieg aus dem Atomausstieg verkündete, kamen all die Gefühle wieder hoch. Und als in Japan die Katastrophe geschah erst Recht.

Gorbatschow sagte mal in einem Interview, wer nach Tschernobyl noch an Atomkraft glaube, sei geisteskrank. Klar – der Mann hat 10.000e von sowjetischen Soldaten zum verseuchten Reaktor geschickt, es mögen seine eigenen Alpträume sein, die ihn das sagen ließen. Enoch zu Guttenberg hat es schön formuliert: „Wäre die Atomenergie tatsächlich beherrschbar – sie wäre die sicherste, die sauberste, die effizienteste Ressource in der Geschichte der Menschheit. Dagegen spricht ein einziges Argument: der menschliche Makel. Denn technisches Versagen gibt es nicht. Es gibt nur eine Hybris, die sich anmaßt, alle Zufälle des Materials, alle latenten Fehler in der Konstruktion und Handhabung, alle Veränderungen durch Verschleiß verbindlich auszuschließen.“*

„Die Lieder, das Töten“ hat seinen Ursprung im Jahr 1986. In Wackersdorf und Tschernobyl. In meinen Augen ist es kein Anti-Atomkraft-Roman. Es ist lediglich ein Roman, der von etwas ausgeht, das geschehen kann: Ein Unfall in einem deutschen Kernkraftwerk (auch ein Anschlag wäre möglich) – und in dessen Folge eine Verseuchung weiter Landstriche. Nicht einmal der größte Atomkraftfreund kann 2012 noch leugnen, dass so etwas möglich ist. Was nun, wenn die Zone evakuiert werden muss, aber sich Leute weigern? Was, wenn Leute in die Zone kommen, um zu plündern? Wenn Recht und Ordnung nicht länger akzeptiert werden? Was haben die Menschen zu verlieren, die verseucht worden sind, die wissen, dass sie bald krank werden, kann die Zone nicht der einzige Ort sein, in dem sie das Leben noch einmal mit einer Intensität spüren, wie es draußen niemals mehr möglich wäre? Welche Glücksritter oder Verbrecher werden angezogen von der verbotenen Zone? Und wie weit ist der Staat bereit, Gewalt einzusetzen, um die Zone zu evakuieren – auch im Hinblick darauf, dass Plünderer radioaktiv verseuchte Dinge aus der Zone schaffen könnten, die eine Gefahr für die Menschen draußen sein könnten, oder extremer noch: Was ist der Staat bereit zu tun, damit verhindert wird, dass jemand auf die Idee kommt, mit radioaktiv verseuchtem Material eine schmutzige Bombe zu basteln? (der CIA hat in Staaten der Ex-Sowjetunion verseuchte Böden zubetonieren lassen – aus Angst vor Terrorismus). Das war der Ausgangspunkt für „Die Lieder, das Töten“. Das hat mich fasziniert.


(Das Foto des brennenden Polizeiautos in Wackersdorf ist auf mehreren Blogs zu finden, auch auf Websites, leider ist nirgends der Fotograf verzeichnet – sollte jemand den Namen wissen, bitte melden, damit ich um Erlaubnis bitten kann oder das Foto auf Wunsch unverzüglich löschen!)