Saturday, July 14, 2012

Let's talk about money

Oft werde ich gefragt: Was verdient man als Schriftsteller? Kann man davon leben? Und gerade im Zuge der Urheberrechtsdebatte und der Diskussionen um Kürzungen im kulturellen Bereich stolpert man auch in den Medien über das Thema. 

Ich werde nicht verraten, was ich verdiene, aber ich werde sagen, womit ich Geld verdiene.
Geld gibt es für mich: 

* durch die Verkäufe meiner drei bisherigen Romane bzw. des Kurzkrimis in einer Anthologie (Abrechnung jeweils nach dem 1. Drittel des neuen Jahres)

* durch die Vergabe der Rechte dieser drei Romane an Film & Theater (Theater: No llores, Man Down; Film: Bataillon)
  
* durch das Schreiben von Bühnenstücken/Drehbücher (Theater Kosmos Bregenz, 7 Todsünden)

* durch das Schreiben von Artikel 

* Vorschuss für den neuen Roman 

* für Lesungen

* für das Schreiben von Trash-Texten unter einem Pseudonym

Ich habe in den letzten Monaten oft gehört, dass Schriftsteller ja sowieso schon von einer Art Kulturflatrate profitieren würden - weil es so viele Preise und Stipendien im deutschsprachigen Raum gäbe, dass es schwieriger wäre, keins zu kriegen, als eins zu kriegen. Ich habe seit 2005 ein einziges Mal 2.000 Euro für die Arbeit an einem Skript bekommen und möchte zu dem Thema auch nicht viel sagen, weil ich mich sonst vorkomme wie ein Fußballspieler, der einen Bundestrainer beurteilen soll, von dem er niemals ins Nationalteam einberuften wurde, obwohl er glaubt, dass er es verdient gehabt hätte. Ok, eine einzige Anekdote: Im Zuge eines Honorarstreits bekam ich eine Email, in der mir ein Herr ausdrücklich darauf hinwies, dass er Mitglied einer Kommission sei, die das wichtigste Stipendium meines Bundeslandes vergibt. Die Message war unzweifelhaft: Sollte ich nicht nachgeben, würde ich in den nächsten Jahren von dort kein Geld zu erwarten habe. (Ich habe nicht nachgegeben und werde mich deshalb auch nicht mehr dort bewerben.)

Für alle, die glauben, Stipendien wären doch eine großartige Sache für die Autoren - ja, für manche sind sie das. Für manche sind sie auch ein Witz. Wenn man sich die Liste der Literaturnobelpreisträger durchliest und bedenkt, dass Cormac McCarthy den Preis noch nicht erhalten hat, wtf? Nicht selten gibt es auch ein Nahverhältnis von Jury und Preisträger, ganz extrem bei der öffentlichen Stipendienvergabe im Filmgeschäft: Da saßen - ungelogen! - bei der letzten fetten Kuchenvergabe einige Preisträger in der Jury. (sie müssen bei der entscheidenden Abstimmung zwar den Raum verlassen, ) Ich habe mich damit abgefunden, dass ich mit kontroversen Texten, hart und politisch nicht korrekt, einen schweren Stand habe, da helfen auch tolle Rezensionen in der FAZ, NZZ oder im Standard nichts. Eine Jury zu finden, in der es nicht wenigstens eine/n gibt, der/die aus den Schuhen kippt, wenn er/sie einen Ausschnitt liest, ist wohl unmöglich. 

Zu den Buchverkäufen: Pro verkauftem Roman bekomme ich ca. 1,80 Euro. Wenig, wenn man 200 Bücher verkauft, viel, wenn man 2 Millionen verkauft. 

Ich habe sehr junge Leser, zum Teil sogar zu junge Leser (ich weiß nie, wie ich reagieren soll, wenn mir eine 13-Jährige eine Mail schreibt ... ich finde immer noch, dass 13 etwas zu jung ist für meine Romane), was mich sehr freut, andererseits können sich diese Jugendlichen meist kein gebundenes Buch um 20 Euro leisten, sondern leihen sich das Buch. Während der Krimiautor David Peace behauptet, dass viele Leute, die seine Bücher gekauft hätten, sie niemals gelesen hätten (er begründet das mit Hype, der entsteht, sobald ein Buch mal in den Bestsellerlisten steht), behaupte ich jetzt einfach mal: Meine Bücher haben mehr Leute gelesen, als dass Leute sie gekauft haben. Ob man sich als Autor das eine oder andere wünschen soll, sei dahingestellt. 

Viel Kohle steckt meist in Verfilmungen. Der Schauspieler Benno Fürmann hat in einem Interview gesagt, "Man Down" wäre ein Buch, das man unbedingt verfilmen müsste ... Für "Man Down" gab es genauso Interesse wie für "Bataillon d'Amour", für das die Filmrechte für ein Jahr verkauft wurden. Es scheint sich aber kein Produzent dran zu trauen. Würde mich vielleicht beunruhigen, wäre es nicht so, dass die genialsten TV-Serien der Fernsehgeschichte in Deutschland nicht einmal ausgestrahlt werden, weil sie einfach keinen Erfolg haben. Im deutschen TV läuft jede Menge Schrott. Und Sopranos, The Wire, Six Feet Under haben keine Chance. Wenn sich keiner an "Man Down" wagt ... nun denn. 

Dafür wurde "No llores" vom Deutschen Theater in Berlin aufgeführt, zwei Jahre lang, und das sehr erfolgreich - und für mich finanziell eine großartige Sache, die mir überhaupt erst erlaubte, Schriftsteller zu werden. "Man Down" kam in München in Halle 7 zu Aufführung, da gab es aus finanziellen Gründen leider nur wenige Aufführungen.

Hin und wieder schreibt man einen Artikel, für das es ein Honorar gibt. Eine Zeitlang lief das für mich ganz gut, dann gab es einen Wechsel in der Chefetage und meine (nie ganz unpolitischen) Texte waren nicht mehr gewünscht. Auch hier gilt: Wichtig ist, wen man wo kennt. Und wenn man niemand wo kennt und trotzdem Texte verkaufen will, gilt: Dem Redakteur so lange auf den Geist geben, bis er genervt aufgibt. (weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, soll aber, so habe ich gehört, bestens funktionieren)

Den Vorschuss für den neuen Roman bekomme ich, sobald ich eine ordentliche Rohfassung vorlegen kann. Ich hoffe und denke, dass ich, so lange ich das Niveau von "Man Down" halten kann, immer einen Verlag finden werde, der mein Skript kauft. Die Vorschüsse von Autoren variieren natürlich - je nach Verkaufserwartung oder Verkaufszahlen des letzten Romans. 

Lesungen sind eine wichtige Einnahmequelle, werden aber aufgrund der knappen Kassen landesweit immer weniger. Die Honorare sind unterschiedlich, allerdings gibt es z.B. von der Autorenvereinigung IG Autoren Wien eine Richtlinie: 300 Euro sollten nicht unterschritten werden. (mittlerweile gibt es Bücherketten, die Autoren überreden zu versuchen, gratis zu lesen) Das klingt erstmal nach relativ viel Geld für ein Mindesthonorar, aber ich finde, man sollte das Gesamtpaket sehen. Ich bin schon zweimal bei Lesungen weggeschlafen (als Zuhörer, nicht als Autor), deshalb versuche ich die Textpassagen optimal vorzubereiten und einzulesen, was auch seine Zeit braucht. Zu einem Gesamtpaket zähle ich aber auch, was viele Schrifsteller abseits ihrer Tätigkeit als Romanautoren leisten - ich erinnere mich z.B. an einen Artikel über Youtube, den ich vor Jahren für eine Organisation geschrieben habe, aus dem später sogar Politiker zitiert haben, der außerdem dazu geführt hat, dass Google Deutschland eine Änderung vornahm - ich habe offiziell niemals dafür einen Cent gesehen. Aber ich habe das Gefühl, etwas für die Gesellschaft geleistet zu haben, genauso wie es viele Schriftsteller ebenfalls tun, und nicht selten unbezahlt. 

Ich glaube, dass es in wenigen Jahren nur mehr Lesungen von Bestsellerautoren geben wird, gut finden würde ich das nicht. Ich habe es oft aufregend gefunden - in der Literatur wie in der Musik - einem Künstler persönlich zu begegnen, und es waren viele dabei, die damals nur vor wenigen Menschen gelesen oder gesungen haben. Ich vertrete auch die etwas unpopuläre Meinung, dass Kultur dem Staat etwas wert sein muss, dass solche Veranstaltungen, die ja auch über Kulturförderung finanziert werden, wichtig sind. Um noch einmal auf "Sopranos" zurückzukommen, stellvertrend für all die genialen TV-Serien, die es in Deutschland nicht geschafft haben: Diese Mafiasaga wurde im deutschen Fernsehen wegen Erfolglosigkeit (!!!) abgesetzt - aber wenn die Menschen nur mehr "Berlin Tag & Nacht" schauen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn nicht nur die deutsche Unterhaltungsindustrie weltweit nicht mehr konkurrenzfähig ist.* 


Es macht mir großen Spaß, hin und wieder - alleine oder als Co-Autor - unter einem Pseudonym einen Trash-Text zu verfassen. Man kann dabei experimentieren, man kann dabei lernen, auch wenn es manchmal anstrengend ist, sich bei einem Erotik- oder Horrortext zu denken: Jetzt müssen sie aber langsam in die Kiste steigen/Jetzt muss aber langsam einer ins Gras beißen ...

 
Zuletzt kommt eine Geldquelle, die ich oben nicht angeführt habe, aber die für viele Autoren hin und wieder wichtig ist: Menschen, die einem in brenzligen Situationen Geld leihen. Menschen, die darauf vertrauen, dass das, was man macht, gut ist, gut wird ... und darauf, dass sie das Geld wiedersehen. Und aus diesem Grund wehre ich mit Händen und Füßen gegen die Forderung, das Urheberrecht müsse mit dem Tod automatisch verfallen. Man stelle sich vor, ein Autor steht in der Kreide, stirbt - und seine Werke (siehe Steig Larsson oder Roberto Bolano) werden erst nach dem Tod große Erfolge. Dass die, die zu Lebzeiten finanziell geholfen haben, leer ausgehen sollen - das ist nicht gerecht. Ich kenne einige Autoren, die es nur aufgrund dieser Leute geschafft haben. Und ich gehöre auch dazu. 

Der wahre Künstler tut alles, was er tut, für Gott, hat Michael Ende mal geschrieben, und er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass Politiker später etwas Ähnliches sagen werden und damit begründen, dass ein Künstler alles auch umsonst machen soll. Alles für Gott klingt gut und schön, aber ein Schriftsteller muss auch etwas essen, braucht ein Dach über dem Kopf und muss Rechnungen bezahlen wie Normalsterbliche auch. Und das kann ein verdammt harter Kampf sein. 

* Ich möchte damit keinesfalls die Daily Soap auf RTL2 schlechtmachen, Leben und leben lassen war immer mein Motto in dem Zusammenhang, und Ricarda Magduschewski ist ja auch sowas von ...