Sunday, November 14, 2010

Lyncht mit uns! - Wer gut und wer böse ist, bestimmen wir!

Peter K. wird von einem Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt – weil auf seinem Computer mehrere pornografische Bilder zu finden waren, auf denen ein Mädchen abgebildet waren, das nach Einschätzung eines Gutachters zu 70 Prozent jünger als 18 Jahre sein hätte können. Es ging hierbei nicht um Missbrauchsopfer, es ging um Fotos, das ein etwa 17-jähriges Paar freiwillig online gestellt hatte. Das beliebte österreichische Boulevardblatt XY macht nun aus Peter K. einen Mann, der Kinderpornografie konsumiert hat, eine Differenzierung von Jugendpornografie und Kinderpornografie* findet – wie immer öfters in den letzten Monaten - nicht statt.** Da Peter K. aus einem kleineren Ort kommt, ist dort für jeden klar, um wen es sich handelt. Ein Mann, der mit Kinderpornografie in Verbindung gebracht wird, ist so gut wie erledigt – privat wie beruflich.

Bei der Recherche zu „Bataillon d’Amour – Eine Geschichte von Liebe und Gewalt“, meinem zweiten Roman, der von einer jungen Frau handelt, die zur Prostitution gezwungen wird, habe ich mich intensiv mit sexueller Gewalt auseinandergesetzt – das ist und bleibt eines der grausamsten Themen, mit denen man sich beschäftigen kann. Die Opfergeschichten sind so erschütternd, dass ich einige Monate brauchte, um mich nach Beendigung des Romans davon zu erholen – lange Zeit habe ich mir nur noch Spaßserien wie Stromberg, Pastewka, Two and a half men und Loriot und Gerhard Polt reingezogen, um von dem Horrortrip wieder runterzukommen. Sexuelle Gewalt ist widerlich und muss mit allen verfügbaren Mitteln, die ein Staat hat, bekämpft werden. Aber diese schräge Hetzjagd auf Leute, die im Internet z.B. einen Clip konsumieren, auf dem eine der Pornodarstellerinnen jünger als 18 sein könnte (es zählt nicht das tatsächliche Alter, es zählt das scheinbare Alter), auf Leute, die mit Pädophilie und Vergewaltigung und der Ausbeutung von Menschen so wenig zu tun haben wie Boulevardblätter mit Qualitätsjournalismus, bringt doch überhaupt nichts im Kampf gegen sexuelle Gewalt, solange die Akteure - ich spreche von Jugendlichen und nicht Kindern! - nicht missbraucht oder zu ihren Handlungen gezwungen werden. Im Gegenteil: Sie ist eine sinnlose Verschwendung von Ressourcen, die anderswo fehlen (nämlich beim Kampf gegen echte Kinderpornografie und sexuelle Ausbeutung), und es scheint auch immer wieder eine total willkürliche Auslese getroffen zu werden.

Die BILD-Zeitung erwähnte vor nicht allzu langer Zeit fast täglich die Website Youporn, auf der durchaus Menschen zu finden sind - gerade wenn sie asiatischer Herkunft sind – deren Alter sich nicht ohne weiteres zuordnen lässt, auch hier könnte, davon bin ich überzeugt, zu gewissen Prozentsätzen 17-Jährige Mädchen nicht ausgeschlossen werden. Zigtausende Deutsche sind täglich auf dieser Seite. Warum nicht mal einen solchen Film auswählen, IP-Adressen ausfindig machen und dann schauen, ob sich nicht ein paar Atomkraftgegner darunter befinden und Hausdurchsuchungen anordnen? Die Boulevardblättchen machen daraus schon einen Kinderpornokonsument, da muss man sich nicht weiter sorgen, dass der Aktivist künftig noch irgendwo öffentlich Ärger machen kann. Zu der Problematik kommt, dass es mittlerweile Hausdurchsuchungen bei Jugendlichen gibt, die einen privaten Sexfilm online gestellt haben – sie, die geschützt werden sollten, erleben die Demütigung einer Hausdurchsuchung, werden an den Pranger gestellt, als wären sie Schwerverbrecher.

Zurück zu dem Boulevardblatt, das Peter K. an den Pranger stellte. Das Blatt entblödete sich nicht, vor wenigen Tagen eine Party eines (vermeintlichen) Motorradclubs zu promoten, der tief im Sumpf des Menschenhandels und der Zwangsprostitution steckt, ja sogar den Erlös der Party für karikative Zwecke zu nutzen. Diese Vereinigung, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird, deren bundesweites Verbot seit Monaten geprüft und diskutiert wird, eine Vereinigung, die mehr und mehr intensive Kontakte mit rechtsextremen Szenen hat, bekommt Support von dem Boulevardblatt***, worüber sich die Rocker natürlich freuen – denn je mehr positive Schlagzeilen es in den Medien gibt, desto schwerer wird es Politikern fallen, einem Verbot zuzustimmen, desto weniger werden sie die Warnungen der Polizei ernst nehmen.

Diese Bande, um die es geht, ist an schweren kriminellen Straftaten beteiligt, u.a. eben auch im Bereich der Prostitution und des Menschenhandels, wo Frauen verschleppt und gefangen gehalten und zur Prostitution gezwungen werden. Hier ist das Leid, hier ist die Schande, hier werden Frauen, auch minderjährige, vergewaltigt, verprügelt, hier werden Leben zerstört. Peter K. mag nicht gesetzeskonform gehandelt haben, und nein, es ist nicht gut, wenn 17-Jährige ihre Sexabenteuer online stellen, weil sich das für die Zukunft als Bumerang erweisen könnte und junge Menschen ihr Handeln auch nicht immer abschätzen können. Aber bei dieser Sache kam niemand – kein einziger Mensch auf dieser Welt - zu schaden, während der Bikerclub am Leid vieler Menschen beteiligt ist. Wer gut und wer böse ist, das bestimmt jedoch das Boulevardblatt und damit die öffentliche Meinung. Und diese ganzen Hornochsen stimmen ein in das Gebrüll, man lese nur die unzähligen Kommentare auf den entsprechenden Internetseiten. Peter K. ist ein Teufel, kastriert ihn, hängt ihn höher!, die anderen sind coole Motorradfreaks, geile Partymacher, toughe Easy-Rider, wow.

Diese Mainstream-Moral ist einfach nur zum Kotzen, ist dreckig und verlogen. Ich werde jedenfalls für dieses Blatt künftig keinen Artikel mehr schreiben und diesem Blatt auch keine Interviews mehr geben. Da zieh ich mir lieber eine weitere Folge Stromberg rein und trete auf Facebook der "Castor Schottern"-Gruppe bei.

Aktueller Nachtrag:

http://derstandard.at/1289608364137/Frauenhaendler-ausgehoben-13-Sexsklavinnen-in-Wien-befreit

*Die Begrifflichkeiten in Deutschland und Österreich sind unterschiedlich, die Altersgrenzen aber dieselben (bis 14 Jahre, 14-18 Jahre)

**“Jugendpornografie“ ist in Deutschland seit dem November 2008 verboten, in Österreich bereits seit 2004

***und sogar von einem öffentlich-rechtlichen TV-Sender

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