Thursday, August 19, 2010

Heimweh










Jedes Mal, wenn ich in einem Stadion stehe, geschieht es. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, und ich fürchte, dass es nie aufhören wird, dass es immer wieder passiert und ich nichts dagegen tun kann. Ob in Graz, in Linz, in Salzburg, in Bern, in Stuttgart, in München – ich stehe inmitten der lärmenden Fans, das Spiel und die Stimmung sind auf dem Höhepunkt – all der Lärm und die Aufregung, all die Anspannung geben mir den Adrenalinkick, nach dem ich seit vielen Jahren süchtig bin … und dann kriege ich Sehnsucht … ihr müsst euch das vorstellen, das ist doch verrückt! … mein Herz pocht vor Aufregung, vielleicht gibt es gerade Elfmeter, ne Rote Karte, vielleicht stehen wir knapp vor der Tribünenstürmung durch ein Bullen-Sonderkommando … und ich Arsch … verstumme plötzlich … ich werde ganz leise und friedlich und klinke mich aus … die Sehnsucht überfällt mich, klaut mir mein Herz, nimmt es mit, nimmt es weg …
Und lässt mich schweigend und traurig zurück.

Jedes Mal, wenn ich im Stadion bin, unter all den tobenden, fröhlichen, wütenden, besoffenen, nüchternen, grölenden Menschen … jedes Mal kriege ich diese Sehnsucht … ich stehe in dem verfluchten Stadion, Bierbecher fliegen, Böller knallen, vermummte Gestalten erklimmen die Absperrung und beleidigen die Mutter des Schiedsrichters … ich schaue hoch zum Himmel, die Flutlichter blenden, die Wolken sind schwarz, es riecht nach verschüttetem Bier und Rauchbomben und einer weiteren Heimniederlage … und mir wird klar ...
Ich habe Heimweh.

Im November 2007 saß ich in der Kantine des Deutschen Theaters mit einem - angeblich - bekannten Filmregisseur, und der gute Mann sagte zu mir: „ONDRÉEE! Sie müssen unbedingt nach Berlin kommen. In Berlin sind sie alle. Die großen Schauspieler, Schriftsteller, Regisseure. Alle sind sie da! Kommen Sie doch nach Berlin! Berlin ist große Welt.“
„Ich scheiß auf große Welt“, hätte ich am liebsten gesagt, aber der Mann ließ mich gar nicht zu Wort kommen.
„Hier können Sie Ihren neuen Roman schreiben. Hier finden Sie Stoff ohne Ende. Berlin ist die einzige Weltstadt Deutschlands. Vergessen Sie die österreichische Provinz! Vergessen Sie München! BERLIN!“ Er knallte seine Faust auf den Tisch und hatte diesen Ausdruck in den Augen, den ich von den koksenden Yuppies in München kannte.
Nein, ich möchte Berlin nicht kleinreden.
Berlin hat mich fasziniert, ich schwör.
So viel Geschichte, so viele Menschen, so viele koksende Regisseure.
Ich war gerne dort.
Aber ich saß auch furchtbar gerne wieder im Zug nach Hause.

All meine Geschichten erzählen vom Leben in der Stadt, von Betonklötzen, vom Asphalt, von Fußballstadien, sie erzählen von Sex und Gewalt, von Wut und Verzweiflung, von Drogen, von der Einsamkeit und vom Verlorensein der Menschen. Die Figuren meiner Geschichten fahren nur aufs Land, wenn sie auf der Flucht sind, wenn sie kurz aussteigen wollen. Oder Selbstmord begehen.
Sie gehören in die Stadt.
„Oooooondré! Sie gehören in die Stadt!“, sagte der Regisseur. „Kommen Sie nach Berlin!“
„Ich kann nicht nach Berlin“, sagte ich.
„Aber warum?!“
„Ich würde Heimweh bekommen.“
Der Regisseur lachte so laut, dass alle zu unserem Tisch sahen.
„Wer an der Leiblach aufgewachsen ist“, sagte ich, „den zieht es immer wieder dorthin zurück.“
„Leiblach?“, sagte er, zündete sich trotz Rauchverbots eine Zigarette und sah mich mit großen Augen an. „Ich verstehe nicht.“
„Das ist so n kleiner Fluss.“
„KLEIN, KLEIN, KLEIN!“, schrie er. „Ich sag ja, alles ist klein außer Berlin. Herrgottnochmal, hier wird man groß.“
„Ich kann aber nicht leben ohne Leiblach. Ich brauche die Stille dort. Das Wasser, die Steine. Die alten, hohen Bäume am Ufer. Ich muss im Sommer barfuß gehen, verstehen Sie? Ich muss das Gras riechen, wenn es das erste Mal geschnitten wird, die Hollerblüten, ich will Erde unter den Fingernägeln …“
„SPIESSER! Ich dachte, Sie wären ein Rebel! SIE SIND EIN SPIESSER!“
Ich versank in meinem Stuhl. Der Mann schrie mich nieder.
„Sie lieben kleine Flüsse, kleine Dörfer, kleine Geister. Sie haben es gar nicht verdient, in diesem Haus aufgeführt zu werden. Warum schreiben Sie überhaupt über die Hölle, wenn Sie in einem kleinen Paradies aufgewachsen sind? Sie belügen Ihre Leser! Schreiben Sie doch über das Liebesleben der schwulen Libellen an Ihrer schwulen Leiblach!“
Was hätte ich entgegnen können?
Ja, es gibt für mich keinen schöneren Tag als einen Sommertag an der Leiblach. Das Rascheln der Blätter im Wind, der Duft der Wiesen, das Rauschen des Wassers, die tanzenden Libellen, alles wie in einem kitschigen Hansi Hinterseerfilm, aber scheiß drauf!
Nirgendwo fühle ich mich glücklicher, zufriedener, geborgener.
Dort an der Leiblach habe ich das Gefühl, nichts habe sich verändert, seit ich ein Kind bin.
Auf dem Felsen unweit unseres Hauses stehen zwei Jahreszahlen:
1773.
1845.
Jahre, in denen die Leiblach über die Ufer trat und die Parzelle überschwemmte.
Die Menschen, die damals lebten, haben die Jahreszahlen in den Stein gemeißelt.
Die Leiblach war lange vor uns da.
Und sie wird noch lange nach uns da sein.
Stehe ich da im Wasser, wird alles so unwichtig.
Ich weiß, ich werde genauso sterben wie die Menschen vor mir, und alles, über was ich mir jetzt und hier Sorgen mache, den Kopf zerbreche, ist so nichtig, so lächerlich.

Und natürlich habe ich nach dem Gespräch mit dem Regisseur, der fluchtartig den Tisch verließ, darüber nachgedacht, warum ich nicht über schwule Libellen schreibe. Ich habe mich gefragt, warum ich überhaupt von dort weg bin.
Vielleicht, weil mir eines Tages der Verdacht kam, die Leiblach belüge mich.
Vielleicht, weil ich dachte, ich könnte in der Stadt etwas über die Wahrheit, den Sinn des Lebens, über mich selber herausfinden, was mir die Leiblach niemals verraten würde.
Also stieg ich in die Unterwelt.
Verbrachte ich Jahre in der Stadt, im Stadion, auf Partys, im Suff, ich brauchte den Lärm und das Chaos, die vielen Menschen, ich wollte ganz vorne dabei sein, wenn es losgeht, ich wollte alles fühlen, alles erleben, ich wollte den Krieg, nicht länger Harmonie und Frieden.
Ich war hungrig.
Ja, ich dachte, ich könnte da draußen in der Welt tatsächlich etwas über die Wahrheit herausfinden.
Fragt mich nicht, ob ich etwas herausgefunden habe.
Bitte fragt nicht.
Ich habe längst kapiert, dass ich nichts wissen kann.
Ich weiß nur, dass es immer wieder schön ist, an die Leiblach zurückzukommen.
Nach Hause zu kommen.
Nein, dieses Heimweh, dieses Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Welten, wird nie vergehen.

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