Monday, May 10, 2010

Rückblick Lesetour 2010, Teil 1

Erstpräsentation ORF-Funkhaus, A-Dornbirn, Mi, 3.3. 2010
Auftaktlesung zu „Man Down“, am Nachmittag eine Aufnahme im Fußballstadion des FC Lustenau für ein TV-Porträt. Auf dem Rasen denke ich mit ein bisschen Wehmut an Tage, in denen das Leben nur aus Fußball, Mädchen und Partys bestand. Der Fußball ist langweiliger geworden, die Partys sind weniger exzessiv, die Mädchen sind verheiratet und haben Haus und Kinder. Die Figuren meiner Geschichten leben wilder, gefährlicher und schneller als ich, ich frage mich, wann das noch umgekehrt war.

Lesung in der Wagner’schen Buchhandlung in A-Innsbruck, Mo, 8.3.2010
Am Tag zuvor Joggen im Schneegestöber, und auch in Innsbruck ist es saukalt. Auf einen Kaffee mit Doris Doppler, meiner Leibfotografin, ich bin nervös, Innsbruck war so viele Jahre lang mein Zuhause, und es ist immer wieder seltsam, hierher zurückzukommen. So viele schöne Erinnerungen und doch auch die Überzeugung, dass meine Zeit in dieser Stadt für immer vorbei ist. Die Lesung macht Spaß, viele, viele Leute und das Café in der Wagner’schen ist ein wesentlich schönerer Veranstaltungsort als der düstere Bunker im ORF-Funkhaus.

Lesung in der Bibliothek von Neumarkt in I-Südtirol, Di, 9.3.2010
Die Zugfahrt zieht sich, die Landschaft ist trostlos im Frühjahr, keine Spur von dem Südtirol, das ich kenne. Der Veranstalter holt mich am Bahnhof ab, er ist ein sehr netter Gastgeber, nur dass ich bei der Lesung stehe, das möchte er auf keinen Fall. ("Nein, das gibt es bei uns nicht!") Also sitze ich, es ist die erste Lesung in meinem Leben, bei der ich sitze, und ich fühle mich, als hätte mich wer in eine Presse gesteckt und plattgedrückt. Ich ringe um Luft und muss um jeden Satz kämpfen. Ich werde mich nie daran gewöhnen zu sitzen – auf einer Lesung genauso wenig wie in einem Fußballstadion.

Lesung in A-Wels, Thalia, Mi, 10.3.2010
Es ist immer noch verdammt kalt, trotzdem ist es schön, die Traun entlang zu spazieren. Egal, in welcher Stadt, in welchem Ort ich bin, fragt man jemanden nach dem Weg, bittet man um eine Auskunft, überall sind die Leute freundlich und hilfsbereit. Wo sind all die schlechtgelaunten, unhöflichen A…………., denen ich in Städten sonst immer begegne? Wer hat sie eingesperrt?
Ein Pärchen kommt extra aus Linz zur Lesung, und egal, wer das Buch in den Medien lobt, egal, wie viele Bücher verkauft werden, am schönsten sind die Augenblicke, in denen einem Menschen das Gefühl geben, dass sie mit dem, was man geschrieben hat, etwas anfangen können.

Lesung in D-Leipzig, Kulturkneipe Süd, Mi, 17.3.2010
Volles Haus, aber viele Leute schauen bestürzt, als in „Man Down“ von ‚Paolo Coelhos Fresse’ die Rede ist – eine Dame in der ersten Reihe zieht aus Protest eine riesige Zeitung hervor und fängt an zu blättern. Ich probiere neue Passagen aus dem Buch und muss mich konzentrieren, das fette Mikro vor meinem Mund und das Rascheln der Zeitung irritieren mich. Ich überlege mir kurz, die Kunststoffverkleidung des Mikros abzunehmen und damit die Frau zu beschießen, aber ich möchte kein Wort, keine Zeile aus „Man Down“ verpassen, das ist die größte Strafe für die Dame. Als sie die Zeitung kurz vor Ende weglegt, bringe ich – völlig zusammenhanglos – den Coelho-Satz ein zweites Mal.

Lesung in D-Leipzig, Buchmesse, Ö-Café, Do, 18.3.2010
Zu Mittag ein Interview mit Ralph Gerstenberg, danach Diskussion mit einer Klasse, ein weiteres Interview für ein Internetradio, ich bin saumüde und rede am Anfang nur Schwachsinn, ich brauche Grünen Tee, ich brauche dringend Kokain, nein, Koffein, ich lese im Österreich-Café und bin überrascht, dass die Moderatorin das Buch tatsächlich gelesen hat, ich bin gewohnt, dass das nicht der Fall ist und die Moderatoren oft ziemlich schräge Fragen zum Buch stellen. ("Ihr neuer Roman handelt von der zur Prostitution gezwungenen Skinheadtranse Rico Samweber, die für ihre tote Schwester Drogen von Deutschland nach Mexiko schmuggelt ... wie kommt man auf so ein spannendes Thema, Herr Pilz?")

Am selben Tag: Theater Skala, 22 Uhr
Herta Müller und Nina Hagen werden hier in den folgenden Nächten lesen, erst aber bin ich dran. Leider sind Uhrzeit und Eintrittspreis ungünstig, und weil auch noch ein paar Fans grippebedingt absagen, ist das Theater ziemlich leer (man sucht ja gerne nach Ausreden), dabei habe ich ausgerechnet heute das Gefühl, besser zu lesen als auf all den Lesungen zuvor. Beinahe vermisse ich die Frau mit der Zeitung.

Foto: Haymonverlag

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