Thursday, May 27, 2010

off the record

Foto: Camila Torres C., http://camicompulsiveclicker.blogspot.com/




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Du hast früher mal gesagt, dass der Literaturbetrieb dir fremd ist, dass du lieber einen Abend im Stadion verbringst als auf einer Literaturveranstaltung, stimmt das noch?

Nein. Ich habe mittlerweile viele interessante Leute kennengelernt, die mit Literatur zu tun haben. Und Fußball ist für mich ein bisschen langweilig geworden. Ich bin keiner, der ständig den Kommerz beklagt und von der guten alten Zeit schwärmt und losheult, wenn die Stadt dann nicht mit Krediten aus der Klemme hilft, aber nur schon die neuen Stadien … alle austauschbar! Ich vermisse die alten, die noch Charakter hatten. Wenn man zuviel getrunken hat, weiß man ja manchmal heute nicht mehr, ob man auf einem Heimspiel oder Auswärtsspiel ist, weil eh alles gleich ausschaut. Nix gegen ein schönes neues Ding, ist ja auch sicherer, aber bei den alten spürt man halt noch so was wie Geschichte. Das Grünwalder Stadion – ich kann verstehen, dass man kein Geld übrig hat, das zu retten, es gibt Wichtigeres. Es ist auch nicht schön, aber es hat Charakter. Was war noch die Frage?

Du hast Frieden geschlossen mit dem Literaturbetrieb?

Es gab nie Krieg. Es gibt aber immer noch Leute, die um mich einen Bogen machen. Und umgekehrt.

Wenn man deine Bücher liest, wird einem klar, da schreibt einer anders als die anderen. Der Stil ist einzigartig, die Themen sind speziell, deine Geschichten sind was Besonderes. Unterscheidet sich denn die Person André Pilz auch von anderen Schriftstellern privat?

Manche Leute lesen meine Bücher und erwarten sich dann, dass ich bei einer Lesung alles kurz und klein schlagen würde. In der Frankfurter Sonntagszeitung beschwerte sich ein Journalist bei den Mitgliedern von Rammstein, dass sie ja ganz höfliche, nette Menschen seien. Ja, warum nicht? Ich muss keinen auf Hooligan machen wie gewisse andere tätowierte Schriftsteller, nur weil solche Typen in meinen Geschichten vorkommen. Ich denke halt, dass ich einen anderen Background habe als die meisten anderen, die schreiben. Ich erinnere mich, wie vor ungefähr zehn Jahren eine große Zeitung eine Ausschreibung machte – acht Leute wurden für einen Creative Writing-Workshop ausgesucht. Ich war dabei, aber ich flog bald raus. Die Leute konnten weder mit mir noch mit meinem Stil was anfangen. Keiner kommunizierte mit mir, weil ich mich als Fußballfan, als Tote Hosen- und Böhse Onkelzfan geoutet hatte. Die Leiterin, eine österreichische Schriftstellerin meinte, ich hätte keine Zukunft. Nicht im Kurs und schon gar nicht beim Schreiben. Ich frage mich, was sie heute so macht. Vielleicht ist sie Roadie bei den Hosen.

Als Schriftsteller will man sein Produkt, sein Buch, ja verkaufen. Bedeutet das nicht, dass du Rücksicht nehmen musst – z.B. auf deinem Blog auf potentielle Käufer? Kannst du noch das schreiben, was du vor fünf Jahren geschrieben hast?

Naja, manchmal verkneife ich mir Sachen. Ich denke mir: Schlafe zwei Nächte drüber und frage dich dann, ob du es noch schreiben willst. Früher habe ich ohne Rücksicht auf Verluste losgeschossen. Es gibt ein paar A………, denen ich gerne die Meinung sagen würde, aber ich würde die ja nur aufwerten, wenn ich mich aufrege. Natürlich gibt es Standpunkte, die nicht verhandelbar sind. Themen wie Atomkraft, Rassismus, Zwangsprostitution, da könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich mich dazu nicht mehr äußern würde, nur um keinem ans Bein zu pinkeln.

Willst du nicht eines dieser A…… hier nennen? Es heißt „off the record“!

... und wird ja doch veröffentlicht! Aber eins wurde schon genannt.

Die Schriftstellerin?

Nein, nein. Die war ja sonst ganz lieb.

Zwei Radiosender haben Passagen aus „Man Down“ bereits gekürzt. Schlimm?

Ich finde es lächerlich. In dem Sender, der „Man Down“ kastriert hat, sang vor wenigen Tagen Sido in einer Sendung um 20:15 mehrere Songs. Der wurde nichts gestrichen, obwohl er noch öfters "ficken" verwendete und die Kinderlein mitsangen: "Gib mir ne Glotze und nen Joint ich brauch nicht mehr zum Leben!" Ich finde es ja witzig, dass ein Wort wie „ficken“ Menschen noch aufregen kann. Ich weiß nicht, in welcher Welt die leben.

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