Friday, May 14, 2010

Lesetour 2010, Teil 2

Buchmesse in D-Leipzig, Fr, 19.3.2010
Der letzte Tag in Leipzig, noch einmal Messe, ein paar Gespräche mit Journalisten am Verlagsstand, ich treffe meine alten Leute vom Verlag der Jugendkulturen, ich verlaufe mich ständig in den Hallen, ich stoße mit einer riesigen, großbusigen jungen Frau zusammen, die nur einen Bikini und ein weißes Fischnetz über dem Kopf trägt und wohl irgendeine Manga-Heldin verkörpern will. Irgendwie haben manche dieser Mangaverkleidungen was von Fasching und sind nicht selten unfreiwillig komisch, aber was soll’s? Mit einer großbusigen Frau mit Fischnetz überm Kopf bei einer Buchmesse zusammenstoßen ist nicht das Schlechteste. Man könnte auch mit Nina Hagen zusammenzustoßen. Oder mit Christian Kracht.

Lesung in A-Wien, Thalia, Mi, 14.4.2010
Mit dem Railjet nach Wien, es regnet, der Westbahnhof ist eine Baustelle, ich fühle mich auch wie eine Baustelle, ich brauche Grünen oder Weißen Tee, ich bin süchtig nach dem Zeug, ich glaube, die Chinesen mixen auf dem Weg zur Weltherrschaft Opium rein, einen Tag ohne das Zeug und mir fällt der Himmel auf den Kopf. Mein Cousin schaut ein bisschen verwirrt, als ich mir in seiner Bude mit zitternden Händen eines Junkies eineinhalb Liter zubereite.

Vor der Lesung ein Interview mit dem berühmt-berüchtigten Kawei. Karl Weidinger war einer der ersten Menschen, der sich für mein Schreiben interessiert hat. Man denkt ja immer, man würde den Leuten der ersten Stunde die Treue halten können, sich eines Tages revanchieren, aber allzu oft vergisst man sie dann leider doch. Ich werde künftig jeden Tag vor dem Schlafengehen eine Gedenkminute einlegen. Und am Morgen nach dem Aufstehen werde ich eine Minute innehalten und an all die Idioten denken, die alles versucht haben und immer noch versuchen, mir das Schreiben zu vergraulen. Das gibt einen Motivationsschub für den ganzen Tag.

Mit Eva Rossmann und Georg Haderer kommen zwei weitere Kollegen auf die Lesung, mit Peter Pilz ist auch ein prominenter Politiker anwesend, der erste Politiker, den ich persönlich kennenlerne, der nicht versucht, mit Dauergrinsen und Händeschütteln und blödem Gequake Wählerstimmen zu fischen.

Lesung in D-München, Wortspiele-Festival, Do, 15.4.2010
Johan de Blanks Wortspiele-Festival in der vollen Muffathalle ist der Höhepunkt der Lesetour. Johan und seine Frau sind cool drauf, andere Leute sind es nicht, und da noch genügend Zeit ist, gehe ich die Isar entlang. Ich ziehe mir mit dem MP-3-Player eine Berliner Punkband rein und denke mir, dass Literatur viel öfters wie diese Musik sein müsste – so laut und dreckig, so roh und rücksichtslos, dass sie viel öfter brennen müsste, einem das Gefühl geben, dass man Gott ist und alles ist und alles kann und nie fällt und nie stirbt.

Manchmal komm ich mir als Schriftsteller unter anderen Schriftstellern wie ein Punkgitarrist inmitten eines klassischen Orchesters, inmitten von Geigenspielern und Flötisten. Ich habe Respekt, aber ich fühle mich fremd, ich gehöre nicht dazu. Wir kommen aus anderen Welten, wir haben nicht dieselben Erfahrungen gemacht, wir haben nicht dieselbe Weltanschauung, wir stehen da und glotzen uns an, es gibt nichts zu sagen, es gibt kaum Gemeinsamkeiten. Sie halten das, was ich mache, für Trash, und ich halte das, was sie machen, für langweilig.

Ich lese als Letzter, eine Stunde vor Mitternacht, eine Besucherin, die sich in der Pause noch mit mir unterhalten hat, spricht nach der Lesung kein Wort mehr mit mir und sieht mich aus sicherer Entfernung an, als würde ich Bikini und Fischnetz tragen.

Lesung in St. Johann, Thalia, Do, 22.4.2010
Als ich noch zur Schule ging, da sagten wir immer, wenn etwas besonders abgefuckt war: „Wie im Ostblock!“ – Mittlerweile holt uns die damalige Vorstellung vom Ostblock ein, und man muss beim Postamt 1 ½ Stunden anstehen, ehe man am Schalter ist, vor dem Haus gibt es keine Container für Plastik, Metall und Glas mehr, so dass die ganze Straße den Müll einfach in die Restmüllcontainer schmeißt, die nach drei Stunden überquellen, nach drei Tagen den ganzen Innenhof in eine stinkende Müllhalde verwandeln, manche Züge sind so dreckig, dass man nicht mehr aus den Fenstern raussieht und auf den Kopflehnen die Flöhe Massenhochzeit feiern. Und in so einem Zug fahre ich nach Salzburg. Die junge Dame hinter mir telefoniert mit ihrem Lover. „ICH HAB PROBLEME MIT REGELUNG, KAPIERST DU NICHT?!“ … „JA, MIT MEINE REGELUNG!“ … „WENN ICH’S DIR SAG!“ … „WAS DAS BEDEUTET?!“ … „OH MANN, DU BLÖDER Wxxxxx! ICH DARF MEINE PILLE NICHT NEHMEN UND DU DARFST NICHT MEHR IN MEINER Mxxxxxxx axxxxxxxxxxx!“ … „JA, DU ARSCH! AB JETZT MUSST DU IN MEINEM Mxxxxxxxx kxxxxxxxxxx!“ …

Das Publikum in St. Johan ist sehr jung, es macht Spaß zu lesen, und die anschließende Diskussion über Literatur mit zwei Leuten, die Ahnung davon haben, ist spannender und schöner als jeder Fußballabend.

Signierstunde, Bürs, Thalia Fr., 23.4.2010
Meine Widmungen sind leider die lausigsten Widmungen, die man sich vorstellen kann. Mir fällt nie etwas ein und wenn man mir vorschlägt, was ich denn schreiben könnte, mache ich Rechtschreib- und Grammatikfehler, die ich sonst nie mache. Einer Leserin, die darauf bestand, ich müsse etwas schreiben – „schreib, wasimmer du willst, aber schreib irgendetwas!“ – kritzelte ich einmal „Danke für die schöne Nacht!“ ins Buch. Ich beschließe, mich künftig nur noch für schöne Nächte zu bedanken. Mal schauen, wie lange es dauert, bis mir jemand eins auf die Nase gibt. Oder die Nacht einfordert.

Lesung in A-Lochau, LBS, Mo, 26.4.2010
Meine Befürchtung, dass sich Schüler einer Berufsschule nicht wirklich für Literatur und somit „Man Down“ interessieren würden, ist völlig unbegründet. Die Schüler sind aufmerksam, neugierig, stellen kluge Fragen, und die 1 ½ Stunden vergehen so wie im Flug. Es scheint gar nicht zu stimmen, was so viele Medien verbreiten, dass die jungen Menschen nicht mehr lesen wollen. Man muss sie nur motivieren und ihnen die richtigen Bücher geben. Mit „Blechtrommel“ oder „Turm“ wird man niemanden vom Computer weglocken. Die Lesung in Lochau ist jedenfalls der perfekte Abschluss für die Lesetour.

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