Sunday, January 10, 2010

Wider das Leben

Ich komme aus einer Region, die bekannt dafür ist, sauber zu sein. Und die Sauberkeit, die wird auch wirklich gelebt. In den Häusern werden 100 verschiedene Desinfektions- und Putzmittel verwendet, ein Staubspur auf einem Fernsehgerät ist Anlass für einen Ohnmachts- oder Schreianfall, die Autos würden täglich gewaschen werden, hätte man nur die Zeit dafür, die Rasen werden genauso mit Gift besprüht wie die Kopfsteinpflaster, auf dass auf dem Rasen kein Unkraut wachse und zwischen den Steinen kein Gräschen hervorluge.

Als ich ein Kind war, wuchsen auf den Feldern zig verschiedene Blumen und Gräser und Kräuter, heute sind die Wiesen ein einheitliches Meer von ein, zwei Pflanzen. Als ich ein Kind war, gab es jede Menge kleiner Sümpfe, sie sind längst trockengelegt so wie fast alle kleinen Bächchen unter die Erde gelegt wurden. Ein Schriftstellerkollege, der aus derselben Gegend stammt, schrieb einmal, viele Menschen hier würden am liebsten das ganze Tal zubetonieren und zu einer einzigen Straße umfunktionieren.

Für manche Menschen gehört es zur heiligen Pflicht, Flussufer von Büschen, Hecken, Bäumen zu befreien, klar, auch die Ufer müssen sauber sein, befreit von Leben jeder Art. Sauber, sauber muss es sein! Und am saubersten ist es, wenn nichts mehr lebt, wenn alles tot und vernichtet ist, das ist Sauberkeit in seiner Vollendung. Ich aber lieber das Dreckige, das Wilde, ich liebe das Leben, die Natur, so wie sie ursprünglich war. Meine Texte werden niemals sauber sein. Sie werden immer dreckig und wild sein.

In diesen Tagen wurden Bäume am Fluss gefällt, die schon alt waren, als ich ein Kind war. Und natürlich kann und soll man Holz nutzen, aber warum solche Kahlschläge nötig sind, warum dann nicht eine einzige Eiche überleben durfte, warum da jetzt eine tiefe, hässliche Schneise sein muss, das versteht keiner, der auch nur ein bisschen Sinn für Schönheit und Wildheit hat. So sicher wie das Amen im Gebet sind allerdings die Hangrutschungen, sobald das Wasser ein paar Mal über die Ufer getreten ist. Dann wird der Steuerzahler wieder zur Kasse gebeten, um die Hochwasserverbauungen zu bezahlen. Ach ja, Sauberkeit hat halt auch seinen Preis.  
 

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