Wednesday, January 20, 2010

Erstes Interview zu "Man Down"

André Pilz im Gespräch über seinen neuen Roman „Man down“

Über das Milieu, in dem "Man Down" handelt – das Milieu junger Wohlstandsverlierer in der Großstadt – gibt es bislang in der deutschsprachigen Literatur fast keine Bücher; woran, denkst du, liegt das?

Das ist mir selber ein Rätsel. Vielleicht entdeckt man das Thema ja in 30 Jahren, wäre nicht das erste Mal, dass die Literatur Themen erst mit Zeitverzögerung entdeckt. Vielleicht aber geht es den meisten Schriftstellern materiell zu gut und sie wollen nicht über etwas schreiben, von dem sie nicht wirklich Ahnung haben. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Christian Kracht oder Daniel Kehlmann Romane wie Knut Hamsuns „Hunger“ oder Charles Bukowskis „Factotum“ schreiben?

Inwieweit entsprechen die Personen und Szenen, die du in "Man Down" erzählst, der Realität – gibt es reale Vorbilder?

Ich nehme in meinen Texten manchmal reale Figuren und erfinde etwas dazu – oder ich erfinde Personen und werfe sie in Situationen, die wirklich geschehen sind. Echt sein müssen für mich die Gefühle beim Schreiben. Michael Köhlmeier hat einmal gesagt, ein Schriftsteller solle nie über Verliebtsein schreiben, wenn er verliebt ist, nie über Wut, wenn er wütend ist. Für mich gilt das Gegenteil: Ich schreibe über Wut, wenn ich wütend bin, ich schreibe über Verliebtsein, wenn ich verliebt bin. Ich mag das Direkte, Rohe, ich mag die Unruhe, die mich überfällt und mich an den Schreibtisch zwingt.

Es gab in den letzten Jahren oft Zeiten, in denen ich wie der Ich-Erzähler in „Man Down“ Existenzängste hatte, in denen das Geld knapp war. Deshalb ist es mir leicht gefallen, „Man Down“ zu schreiben. Diese wiederkehrenden Albträume, die ich beschreibe, waren meine Albträume.

Kai, der Protagonist deines Romans, durchlebt im Laufe dieses Buchs alle menschlichen Höhen und Tiefen, die man nur durchleben kann – wie sehr lebst du mit deiner Hauptfigur mit?

Ich weiß nicht, ob ein Außenstehender sich vorstellen kann, welche Kraft mich manche Szenen kosten. In solchen Szenen bin ich eins mit der Figur, d.h. nicht, dass die Figur sich in mich verwandelt, sondern dass ich mich in die Figur verwandle. Das können ganz intensive Erfahrungen werden, und man kann völlig verwirrt sein, wenn man nach dem Schreiben unter Leute geht. Man braucht da wirklich Zeit, um wieder runterzukommen und nicht zu glauben, eine der Figuren könnte plötzlich im selben U-Bahn-Waggon auftauchen.

Dein Buch umfasst viele literarische Gattungen: Es ist Liebesroman, ein sozialkritischer Roman, ein Thriller – was davon steht für dich im Vordergrund?

Ich mag die Einstellung der Punk- oder Rock ’n Roll-Bands, die auf die Bühne gehen, die Verstärker aufdrehen und loslegen – „Let’s make some noise!“ – Das ist auch mein Motto beim Schreiben. Was dabei herauskommt und wie man es kategorisiert, kümmert mich nicht, an erster Stelle steht die Leidenschaft. Dass man alles gibt, was man hat, das zählt. Ich hoffe jedenfalls, die Leser empfinden „Man Down“ vorrangig als eine Geschichte voller Emotionen und Leidenschaften, als das sehe ich den Roman nämlich.

„Man Down" ist auch ein sehr politischer Roman – sieht du das Buch als literarisches Statement zu politischen Diskussionen rund um Hartz-4 bzw. Mindestsicherung, Jugendkriminalität und Arbeitslosigkeit?

Ich sehe das weniger als Statement, ich sehe „Man Down“ als logische Folge von dem, was hier abgeht. Leider kann man in der heutigen Zeit allzu oft Menschen belügen und betrügen und ausbeuten und muss trotzdem nie vor ein Gericht, man darf sich dann aber nicht wundern, wenn sich diese Menschen wehren und zurückschlagen. In jeder Boulevardzeitung wäre der Protagonist von „Man Down“ ein Bösewicht, ein widerwärtiger Drogenkurier, und sein Ex-Boss ein angesehener und beliebter Unternehmer, der einem auf der Promi-Seite entgegenlächelt. „Man Down“ erzählt die Geschichte aber von der anderen Seite. „Man Down“ stellt das oberflächliche Gut-Böse-Bild in Frage. Gewisse Leute haben viel ausgeteilt und getreten in den letzten Jahren, „Man Down“ ist der Konter, der Gegenschlag.


"Man Down" erzählt von einer desillusionierten, hoffnungslosen Generation junger Menschen – was müsste passieren, um dieser Jugend eine neue Perspektive zu geben?

In der Finanzkrise wurde in Deutschland manchmal in einer einzigen Nacht beschlossen, zig Milliarden für Banken und Firmen auszugeben – während Schulen, Jugendbetreuungseinrichtungen etc. jahrelang um ein paar mickrige Euros kämpfen mussten und oft leer ausgingen. Da wurde den Menschen vertickt, es handle sich um systemrelevante Banken und systemrelevante Firmen, und bestimmt waren das viele auch, aber einige – so bestätigen doch auch Experten – waren es wohl eher nicht. Hier wurde Geld verpulvert, Geld, das man besser in junge Menschen investiert hätte. Also – Geld ist nötig, ja! Geld für Bildung, für Freizeit- und Sportplätze, es muss mehr Angebote und Möglichkeiten geben, da kann doch gar nicht genug Geld ausgegeben werden. Aber Geld alleine ist natürlich nicht alles. Und es sind auch nicht alle jungen Menschen ohne Jobs und Perspektive Opfer. Es gibt ja auch welche, die ihren Arsch nicht hochkriegen.


Für wen hast du das Buch geschrieben, wen hattest du als Publikum vor Augen?

Ich glaube, ich würde fürchterlichen Mist schreiben, wenn ich beim Schreiben an die Leser denken würde. Ich habe die Figuren vor Augen, die Geschichte, die Orte, an den sie spielen, sonst nichts, ich drehe die Musik auf und schreibe und vergesse alles andere. Dass ich Leser habe, wird man erst bewusst, wenn ich auf Lesungen vor ihnen stehe.

Du hast ein Leben mit sehr unterschiedlichen Stationen hinter dir – du warst Gitarrist, Fußballfan, Briefträger, Museumsaufseher, hast studiert – wie bist du zum Schreiben gekommen?

Meine ersten Geschichten habe ich mit 14 geschrieben. Ich bekam ein Tagebuch von meiner Oma, was schon damals als ziemlich unmännlich galt, aber ich hielt’s geheim und genoss es, Geschichten zu erfinden, in denen ich die Mädchen küsste, die ich niemals anzusprechen gewagt hätte, in denen ich den Lehrer verprügelte, der mich ständig ärgerte, ich schuf mir ein Parallelleben. In den folgenden Jahren war mir aber immer die Musik das Wichtigste, ich habe erst nach einigen Jahren erkannt, dass ich mehr Talent hatte, Songtexte zu schreiben als Lieder zu komponieren. In meiner Zeit als fanatischer Fußballfan habe ich dann angefangen, Geschichten über das Leben im Stadion zu schreiben, über die Menschen und Erlebnisse dort, es gab darüber zu wenig gutes Zeug zu lesen. Das war eigentlich der ernsthafte Beginn meiner literarischen Ambitionen.


Gibt es Autoren, die du als literarische Vorbilder bezeichnen würdest – oder Autoren, mit denen du deine Art zu schreiben vergleichen würdest?

Ich hatte eigentlich niemals literarische Vorbilder. Jedenfalls nicht, was das Schreiben betrifft. Ich habe aber immer Autoren bewundert, die wegen ihrer Texte ihr Leben riskierten oder mit ihrer Meinung gegen den Strom schwammen. Die ohne Rücksicht auf Verluste schrieben. Deren Mut ist für mich Vorbild und Ansporn, diese Autoren sind meine Helden.

Was sind deine nächsten literarischen Projekte?

Ich arbeite an einem neuen Roman, er spielt in der Zeit nach einem Unfall in einem Kernkraftwerk und handelt von Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben und sich weigern, evakuiert zu werden oder die freiwillig in die verseuchte Zone kommen. Verlierer, Glücksritter, Verrückte, Kriminelle, von denen einige schließlich eine Kleinstadt besetzen und die Staatsmacht herausfordern.

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