Tuesday, December 8, 2009

Ciudad Juárez II - Save Our Souls

Foto: Camila Torres

"Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." (Friedrich Nietzsche)

Ciudad Juárez ist das Ende der Welt. Hier verliert alles seinen Sinn. Hier regiert der Wahnsinn. Manchmal fragen mich Menschen, warum ich über solche Sachen schreibe. Und warum in dieser Direktheit, warum in diesem Stil? Ich finde so etwas kurios, denn ich habe nie ein Interview mit der Band Rammstein erlebt, in dem gefragt worden wäre: "Warum machen Sie eigentlich nicht Reggae-Musik?" Was würde Bob Dylan tun, wenn man ihn fragt, warum er keinen Heavy Metal spielt? Die Frage macht keinen Sinn. Ich habe doch gar keine Wahl! Ich hab mir das nicht ausgesucht.

Was ich mich bei den Morden von Ciudad Juárez oft gefragt habe: Warum konnte bei 100en, vielleicht sogar 1000en von Entführungen nie ein Opfer entkommen? Kein einziges Mal? Oder hat man nur davon nie erfahren? Warum gibt es im Zeitalter des Internets keine Filmaufnahmen? Oder existieren sie, wurden aber nie von jemandem gesehen, der sie zur Anzeige gebracht hätte? Mit Videos, auf denen sexuelle Gewalt zu sehen ist, ließe sich gutes Geld verdienen. Das geschieht tagtäglich, nicht nur in der Kinderpornoindustrie. Nein, ganz legal. In Deutschland sind Gewaltpornos zwar verboten, in vielen anderen Ländern aber nicht. Und diese Gewaltpornos werden nicht nur mit professionellen Porno-Darstellern, sondern mit Vorliebe mit Amateuren gedreht. Die Honorare sollen hoch sein, die Filme sind z.T. äußerst brutal und menschenverachtend, meist auch rassistisch (in Filmen aus Amerika gehören die Frauen oft zu ethnischen Minderheiten, die Männer sind meist weiße US-Amerikaner). Die Unternehmen, die ganz offiziell im Internet werben und brav ihre Steuern zahlen, haben nicht selten ausgerechent in den prüden USA ihren Sitz. Ihre Websites sprechen für sich: Latina Abuse, Facial Abuse, Ghetto Gaggers ... die Liste ist lang und die Kunden sind keine kaputten Junkies, keine durchgeknallten Drogenbarone in einer mexikanischen Grenzstadt, sondern brave Spießbürger mitten unter uns, die die Filme online per Kreditkarte bezahlen. Natürlich gibt es die Theorie, solche Filme könnten eine kathartische Wirkung haben und potentielle Täter sogar davon abbringen, genau dies zu tun. Das allerdings nützt den misshandelten Frauen in den Filmen wenig und rechtfertigt niemals ihre Herstellung.

Vielleicht wird in Ciudad Juárez ja nur konsequent zu Ende gebracht, was anderswo genauso geschehen würde, bestünde nicht die Gefahr, erwischt zu werden und zu lebenslanger Haft verurteilt zu werden. Die Freude, Menschen zu quälen und zu erniedrigen, scheint eine urmenschliche zu sein.

http://www.mujeresdejuarez.org/enaleman.htm


http://www.latimes.com/news/nationworld/world/la-fg-juarez-missing9-2009aug09,0,3170070,full.story

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