Friday, November 27, 2009

Arme Seelen


Foto: Camila Torres, http://www.blogger.com/profile/02157295322997851073

Als ich ein Kind war, beteten wir regelmäßig ein Gebet für die armen Seelen. Wir beteten für die, die im Fegefeuer gelandet waren, nicht würdig, direkt in den Himmel aufzusteigen, aber auch nicht verdorben und böse genug, als dass sie die Hölle verdient hätten. Mit jedem Gebet – so wurde uns gesagt – würde eine arme Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel aufsteigen. Die Vorstellung faszinierte mich: Nur ein paar Worte … und so eine arme Sau konnte dem Feuer entkommen … nur ein paar Worte! Und manchmal betete ich mich in einen Rausch, drei, vier gerettete Seelen waren nicht genug, waren nie genug. Mehr! Mehr! Es mussten mehr sein. Und so rettete ich in manchen Nächten ganze Armeen von armen Seelen, der Himmel wurde überrannt, ich kniete auf meinem Bett, high von der Vorstellung, so viele Gefolterte erlöst zu haben.

Manchmal vermisse ich die Zeiten, in denen alles so einfach war. Es gab einen Himmel, eine Hölle und ein Fegefeuer. Ein einziges Gebet konnte einen verstorbenen Menschen aus dem Fegefeuer in den Himmel hieven. Heute wollen mir irgendwelche Hirnforscher erklären, dass es keinen freien Willen gäbe, keine Seelen, ja, dass wir im Grunde gar nicht existierten. Ich lache sie aus, genauso wie man heute über Menschen lacht, die glauben, ein einziges Gebet könnte einer armen Seele den Eintritt in den Himmel verschaffen. Und ich weiß nicht, was mich mehr nervt – die Selbstverliebtheit der Wissenschaftler oder der unkritische Umgang der Medien mit deren Theorien.
 
 

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