Monday, October 26, 2009

U-la-la, Schreibtisch-Antifa!

2007, als mein zweiter Roman erschien, sollte das Buch im Rahmen einer Lesung im xxx-Funkhaus in XXX präsentiert werden. Kurzfristig bekam ich einen Anruf, dass aus der Sache nichts werden würde. Der Kulturchef XY hätte beschlossen, dass es sich der Sender nicht leisten könne, mich auftreten zu lassen.

Die Kulturabteilung hatte Probleme mit meinem Outfit, meiner Glatze und meinen Doc Martens.

Die Schreibtischantifaschisten hatten kein Problem mit meinen Texten, sie hatten ein Problem mit meinem Aussehen.

Ich sähe aus wie ein Rechtsradikaler.

Ich war sprachlos.

Es zählt also nicht, was ein Autor schreibt, tut oder sagt - an erster Stelle geht es um sein Aussehen!

Dabei waren wir jahrelang von Fußballfans in fremden Stadien als „linke Schweine“ beschimpft worden – weil wir Ixxxxxxxer Fans in ganz Österreich den Ruf hatten, „links“ zu sein, obwohl die meisten von uns gar nicht links waren, sondern einfach nur nicht rassistisch, was im Fußball eben immer noch was Außergewöhnliches ist.

Ich erinnere mich an diese Fahrt zum Spiel in Sxxxxxx, als wir Ixxxxxxx-Fans von Sxxxxxxer Faschohooligans am Bahnhof empfangen wurden … mit ausgestreckten Armen, „Scheiß-Ixxxxxxxer-Juden-Juden“-Sprechchören und fliegenden Bierflaschen. Die Sxxxxxxer Rechtsradikalen hatten Verstärkung bekommen – Hooligans aus Sxxxxxxx und Schläger aus Mxxxxxxx vom Txxxxxxx waren angereist, nur um uns eins überzubraten.

Da wären die Schreibtischantifaschisten gerannt. Husch, husch, mein Gott, was wären sie gerannt.

Ich bin auch gerannt.

Ich bin schnell gerannt.

Wir sind alle gerannt.


Zecki war damals 15 oder 16, seine Eltern kamen aus Pakistan, Afghanistan oder Indien, er wusste das selbst nicht so genau, er trug eine Riesenbrille und war irgendwie nie ganz auf der Höhe. Er war so was wie ein Maskottchen, war überall dabei, Tore registrierte er in der Regel mit einer Verzögerung von ein paar Minuten und wenn ein Schiedsrichter eines der Tore annullierte, dann bekam er das meistens überhaupt nicht mit und er jubelte wie irr, hing headbangend mit heraushängender Zunge am Zaun und brüllte sich die Seele aus dem Leib, obwohl der ganze Block längst schwieg oder über Zecki lachte. Es gab Spiele, da fand Zecki in der 80. Minute heraus, dass seine Mannschaft in blauen Trikots spielte und nicht in weißen, dass er das ganze Spiel über die falsche Mannschaft angefeuert hatte.

Ich mochte Zecki, er hatte nur einen Fehler – er liebte den Verein, der unser Erzfeind war.

Zecki war Sxxxxxxfan.

Und Zecki war gegen Gewalt, er sah es als seine Mission an, bei jeder Schlägerei dazwischen zu gehen, was dazu führte, dass er jeden Montag eine neue Brille brauchte und seine Pflegemutter ihm vorsorglich für Dienstagnachmittag einen Termin beim Zahnarzt reservierte.

Zecki stellte sich einem der Hools in den Weg, wollte ihn zurückhalten, aber der Hool machte kurzen Prozess und donnerte Zecki mit voller Wucht die Faust ins Gesicht. Zecki ging zu Boden, seine Brille blieb liegen, aber er stand sofort wieder auf. Der Typ verpasste ihm noch zwei Schläge, aber Zecki hielt sich auf den Beinen … Ein zweiter Hooligan kam und bearbeitete Zecki ebenfalls mit Fäusten und Beinen … aber Zecki blieb stehen. Dieser Dummkopf blieb stehen, anstatt wegzulaufen oder sich hinzulegen, sich einzurollen und seinen Kopf und seine Eier zu schützen.

Wir überquerten eine Straße, wo uns bereits Polizei erwartete. Wir waren sicher.

Nur Zecki war verloren.

Er bekam die Prügel, die eigentlich für uns gedacht waren.

Und jeder wusste, warum.

Ein geistig Zurückgebliebener, der aussah, als wäre er gestern noch mit Osama Bin Laden in Pakistans Bergen rumgehopst, war ein gefundenes Fressen für Nazischläger.

In diesen wenigen Sekunden, in denen sich all das abspielte, dachte ich mir:

Was geht der uns an?

Ist doch nur n Sxxxxxxfan, … und warum muss er sich auch mit diesen Typen anlegen? …

Was haben wir mit dem zu tun?

Dabei flüsterte mir mein Herz sofort:

Er ist einer von uns.

Den Typen, den sie da drüben blutig schlagen, das ist einer von uns.

Wir dürfen nicht zuschauen, was für ein Verrat! Was für eine Schande!

Da geschah etwas, das ich immer wieder bei Fußballausschreitungen erlebte –

Eine Gruppe von Menschen wurde eins.

Wir wurden eins.

Wir waren so viele und doch nur eins.

Ein einziges Wesen.

Unsere Herzen schlugen im selben Takt.

Wir waren ein Wesen.

Ein Körper.

Eine Seele.

Ein Gedanke.

Kein Ich und kein du mehr.

Nur mehr ein Wir.

Und wir spürten, wir wussten – jetzt waren wir unbesiegbar.

Wenn eine Armee Maschinengewehre auf uns gerichtet gewesen wäre, sie hätte uns nicht mehr aufhalten können.

Ohne dass jemand das Kommando gegeben hätte, rannten wir gleichzeitig los und überquerten die Straße. Alle. Keiner blieb zurück. Keiner zögerte.

Ich bin mir sicher, die meisten hatten Angst vor den Neonazis.

Aber viel größer war die Angst, seine Ehre zu verlieren.

Und ich habe beim Fußball viele hirnlose Schläger, Rassisten, Idioten kennengelernt, aber genauso Leute, die ihr Herz noch am rechten Fleck haben, die mehr Anstand haben als die Leute, die uns in all den Jahren immer wieder wie asozialen Bodensatz behandelt haben.

Die Polizisten, die sich uns in den Weg stellten, wurden beiseite geschubst, als wären sie Pappfiguren.

Und nicht nur die Truppe Ixxxxxxx-Fans, nein, auch die Sxxxxxxer Fans, die mit den Hooligans nichts zu tun haben wollten, kamen mit uns.

Keine Droge der Welt hätte das auslösen können, was ich in dem Moment fühlte.

In wenigen Sekunden war ich in einem Rauschzustand.

Das Adrenalin pumpte durch meinen Körper, was für ein Gefühl !!! - die eigene Angst zu besiegen und damit die eigene Freiheit spüren, zu spüren, dass man zu viel mehr fähig ist, als man glaubt, als man lebt.

Ich war nicht mehr ich.

Ich war viel größer.

Da war kein Hirn mehr im Schädel.

Ich ging auf in einem Gefühl, in einem überwältigenden Gefühl.


Die Psychos, die immer an vorderster Front standen, erledigten die Drecksarbeit und stürzten sich auf die Faschohools. Die Psychos boxten und verteilten Fußtritte, die Psychos waren berühmt. Oh ja, auch in unseren Reihen gab es Typen, die völlig unberechenbar und verrückt waren, manche bis oben vollgepumpt mit Drogen, Typen, die, wenn sie keinen Gegner zum Prügeln fanden, einfach im eigenen Fanblock eine Schlägerei anfingen.

An diesem Tag waren wir froh, sie auf unserer Seite zu haben.

They were bastards, but they were our bastards.

Ich sagte doch, wir waren eins.

Die Sxxxxxxer und Ixxxxxxxer Fans, diese aufs Blut verhassten und verfeindeten Fangruppen, jagten gemeinsam die braunen Schläger zum Teufel. Wir sangen unsere Schlachtgesänge und Zecki, dessen Brille zerbeult war und dem das Blut in Sturzbächen aus der Nase lief, sang mit uns, wir schrien die Faschos nieder und eroberten die Stadt zurück, den Rest des Tages gehörten die Straßen, gehörte das Stadion in Lxxxxx uns.

Und ich habe an jenem Tag auf unserer Seite Leute mit kurzen Haaren, langen Haaren und auch Leute mit Glatze und Doc Martens gesehen, aber keinen einzigen dieser Kulturfuzzi-Schreibtischantifaschisten.

Die saßen alle in ihren verrauchten Jazz-Lokalen, die Nase in der Höh’, und träumten davon, was sie für einen tollen Roman schreiben würden, wenn sie nur die Zeit hätten, was für großartige Musiker sie wären, wenn man sie nur ließe, und wie sie wieder einmal den Faschismus bekämpft hätten, indem sie einen Glatzkopf ausgeladen hatten.

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