Wednesday, June 24, 2009

Kick some ass!

Ich traf kürzlich diesen Literaturagenten in München, der es gut mit mir meinte und mir riet, über was ich zu schreiben und über was ich zu schweigen hätte.

"Herr Pilz", sagte er. "Schreiben Sie über Fußball, Sie können das, aber lassen Sie die Politik aus dem Spiel. Diese Neonazis stehen schneller vor Ihrer Tür, als Sie schauen können, denken Sie an das Messerattentat auf den Polizeichef von Passau. Schreiben Sie überhaupt nichts Politisches, Ihr Engagement für den Erhalt des Perlacher Forsts in allen Ehren, aber vielleicht haben Sie Leser, denen dieser Wald völlig egal ist und die lieber eine Autobahn dort sehen würden, weil Sie 20 Minuten schneller in der Stadt sein wollen. Schreiben Sie um Gottes Willen nichts, was Islamisten auf den Plan rufen könnte, ich muss Ihnen nicht sagen, was für Ärger Ihnen das einbringen kann. Sex? Sex verkauft sich immer gut, also Sex hat immer Platz, aber bitte keinen Sex zwischen Jugendlichen mehr, Sie wissen doch, es gibt ein neues Gesetz, Sie könnten da wirklich Ärger bekommen. Ich weiß, dass Jugendliche heute immer früher Sex haben, ich weiß von den Problemen der sexuellen Verwahrlosung, aber bitte ... überlassen Sie das den Journalisten von Spiegel-TV oder der BILD-Zeitung. Herr Pilz, ich mochte Ihren zweiten Roman, ich mochte ihn wirklich, aber ein Thema wie Zwangsprostitution ... Wen soll das interessieren? Die Tussi mit Rastalocken und nem Piercing in der Nase, die in der Fußgängerzone für Amnesty International Leute anwirbt? Ich sage Ihnen was: Der Rastalocken-Tussi in der Fußgängerzone sind Menschenrechte in der Freizeit scheißegal. Sogar den Emanzen sind die Zwangsprostituierten egal, so lange die nicht zur Wahlurne gehen, oder wie können Sie sich erklären, dass die Emanzen im Parlament bis heute keine Gesetzesänderung vorgeschlagen haben? Der ganzen Welt sind Zwangsprostituierte egal, abgesehen von ein paar hysterischen Weltverbesserern, das ist traurig, ich weiß!, aber Sie können die Welt nicht retten, genausowenig wie ich. Skinheads?! Skinheads sind ein gutes Thema, aber es wäre besser gewesen, die Geschichte in der 3. Person zu erzählen, sodass niemand auf die Idee käme, Sie mit dem Ich-Erzähler gleichzusetzen. Auch diese Szene, in der Jugendliche mit Migrationshintergrund einen Deutschen verprügeln, Sie hätten doch wissen müssen, da schwingen viele Leute reflexartig die Nazikeule, ... das können Sie schreiben, wenn Sie berühmt sind, dann können Sie alles schreiben, ich verspreche es Ihnen. Dann können Sie auch den Perlacher Forst ganz alleine retten, sich an einen Baum ketten, all das können Sie. Aber erst, wenn Sie ganz groß sind, verstehen Sie. Und von was handelt nun Ihr neuer Roman Man Down? Von einem Arbeitslosen? Beantworten Sie mir eine Frage - kennen Sie - kennen Sie, Herr Pilz - einen einzigen Arbeitslosen, der Bücher liest? Warum zum Teufel schreiben Sie einen Roman über einen Hartz-4-Empfänger?! Welchen Leser interessiert schon den White Trash? Man kann ihn täglich im Fernsehen sehen oder in der U-Bahn erleben. Überlegen Sie doch bitte, wer Bücher kauft! Überlegen Sie, wer Ihre Zielgruppe sein soll, wo Ihr Buch in den Buchgeschäften stehen soll! Schreiben Sie keine Blogeinträge mehr, die Leser abschrecken könnte, Ihre Bücher zu kaufen. Herrgottnochmal, Sie haben Talent, aber keine Ahnung vom Business.“

Ich saß da und lauschte zwei Stunden lang seinen Ausführungen.

Seit 4 Jahren wollen mir Leute immer wieder einreden, über was oder wie ich zu schreiben hätte. Sie meinen es gut und begreifen nichts. Manchmal kommt es mir vor, als würde man einem gestürzten Schirennläufer sagen, er solle

in die Kamera lächlen,

lächeln für die Fans,

lächeln für die Sponsoren,

das tun, was von ihm erwartet wird -

obwohl sein Bein gebrochen ist ...

Nicht schreien!

Nicht fluchen!

Nicht weinen!


Aber das alles interessiert mich nicht.

Ich schreie, wenn ich brenne.

Ich weine, wenn ich traurig -

Ich lache, wenn ich fröhlich bin.

Ich schlage zurück, wenn ich geschlagen werde.


Es gibt Positionen, die sind nicht verhandelbar.

Es gibt Dinge, die sind mir heilig.

Da gibt es keine Kompromisse.

Wenn ich eines Tages auch ein verdammtes Chamäleon sein sollte, dann sperrt mich in den Zoo.

Aber bis es soweit ist, setze ich mich an den Schreibtisch an meinen Laptop und drehe die Musik bis zum Anschlag auf. Manchmal erinnere ich mich dann daran, was mein früherer Boxtrainer immer sagte, wenn ich in den Ring stieg: „Wenn du Mitleid mit dem Gegner hast, hast du schon verloren. Dann musst du erst gar nicht anfangen zu kämpfen. Du musst treffen WOLLEN."

Ich bin nicht Paolo Coelho.

Es kann sein, dass meine Leser blaue Flecken abkriegen.

Schläge in die Magengrube.

Dass sie sich unwohl fühlen.

Ich denke nicht nach, wem etwas gefallen oder missfallen könnte.

Ich denke darüber einfach nicht nach.

Das ist die Freiheit, die ich mir nehme.

Ich habe kein Mitleid mit dem Leser.

Ich will ihn treffen.



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