Tuesday, April 28, 2009

„Weine nicht“ am Deutschen Theater – Eine Reise nach Berlin (2007)

Zum ersten Mal in Berlin war ich, als ich aus meinem Debütroman „Weine nicht“ lesen sollte, zu der Lesung in Kreuzberg erschien jedoch kein einziger Besucher, also betrank ich mich mit dem Veranstalter und schwor mir, niemals mehr in diese verfluchte Stadt zu kommen. Als ich das zweite Mal nach Berlin fuhr, war dieses demütigende Erlebnis vergessen, denn das Deutsche Theater führte eine Bühnenfassung von „Weine nicht“ auf, und Deutsches Theater, das klang nach großem Theater, nach Schiller und Brecht, Deutsches Theater, das hatte sogar einen legendären Ruf in der österreichischen Provinz, in der ich geboren und aufgewachsen bin.

Die sechsstündige Zugfahrt von München nach Berlin an diesem Novembertag war eine einzige Fahrt durch den Nebel, alles war milchig und grau, verschwommen und klebrig da draußen, als würde dieser Brei meine Ungewissheit widerspiegeln: Was, wenn ich die Aufführung hassen würde? Was, wenn der Regisseur meinen Roman vergewaltigt hatte? Der Gedanke, dass ich mittlerweile treue Leser hatte, denen es scheißegal war, was da in Berlin an dem altehrwürdigen Theater geschah, beruhigte mich. Trotzdem war ich froh, dass die Aufführung in der Box stattfinden sollte. Box+Bar klang gut. Klang nach meinem Leben – nach Fußball, Boxen, Schweiß, Blut, Tränen und viel Alkohol. Mit Schiller und Konsorten, mit Menschen in Abendgarderobe habe ich eher weniger am Hut. Jaja, jetzt werden viele die Nase rümpfen und sagen, da will wieder mal einer den wilden Mann markieren, ich weiß doch, das klingt alles furchtbar nach Klischee, nach aufgesetztem Image, aber die, die mich wirklich kennen, wissen, dass ich als Schriftsteller immer ich war und nie jemand anderer. Und ich habe mir eben in unzähligen fremden Fußballstadien Bier über den Schädel kippen lassen, habe mir auf Konzerten in kleinen, dreckigen Clubs beim Pogen die Nase blutig geschlagen, hatte den Finger mehr als einmal am Abzug und nur überlebt, weil ich das Schreiben und die Songs der Onkelz hatte.

Oh ja, Box+Bar klang verdammt gut.

Als der Zug in den Berliner Hauptbahnhof einfuhr, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Ich hatte meinen Schwur gebrochen und war zurück in der Stadt, die mich beim ersten Mal verächtlich ausgespuckt hatte. Aber es fühlte sich an, als würde sie mich um Verzeihung bitten. Ich machte mich zu Fuß auf den Weg zu meinem Hotel. Bei meinem ersten Berlinbesuch hatte ich in einer Jugendherberge am Rande der Stadt übernachtet, auf dem Fußboden im Zimmer war ein großer, übelriechender Fleck gewesen und auf der Decke über dem Bett war ein undefinierbares Insekt gehockt, dieses Mal war ein Zimmer in einem feinen Haus gleich in der Nähe des Deutschen Theaters reserviert. So fein, dass es mir vorkam, unter all den herausgeputzten Leuten wäre ich das Insekt. Undefinierbar und übelriechend.

Am Nachmittag stapfte ich durch Berlin. Berlin ist für mich große Welt. Ich war niemals in den USA, niemals in Australien, und auch Afrika und Asien kenne ich nur aus Büchern und Filmen. Ja, Berlin ist für mich große Welt. Aber ganz ehrlich - ich scheiß auf große Welt. Ich fühlte mich gerade dort oft am einsamsten, wo die Leute mir einreden wollten, wie cool und hip, wie wild und aufregend alles sei. Natürlich war Berlin selbst an diesem grauen Herbsttag beeindruckend. So groß, die Stadt, so viel Geschichte, eine Stadt zum Staunen, aber eben keine zum Verlieben.

Am frühen Abend traf ich Felicitas Zürcher, die Dramaturgin von „Weine nicht“ und E-Mail-Ansprechperson in all den Monaten zuvor, und ich war erleichtert. Ich kann nämlich in der Regel mit Leuten aus dem Kulturbetrieb wenig anfangen. Sie mögen meine Glatze, meine Doc Martens, meine Tätowierungen nicht, und ich mag es nicht, dass sich diese Leute von solchen Äußerlichkeiten täuschen lassen und meine Texte verurteilen, obwohl sie sie nie gelesen haben. Felicitas aber war alles andere als eine arrogante, aufgeblasene Person, die ich an Theatern, in Literaturhäusern, in Rundfunkhäusern – und nicht immer zu Unrecht! – vermutete. Sie zeigte mir die Box, die mich an einen Boxring ohne Seile erinnerte, und ich bekam eine Vorahnung, was mich erwarten würde.

Ich wurde nicht enttäuscht. Der Roman „Weine nicht“ handelt von dem Skinhead Rico Steinmann, der sich in Maga, eine Studentin aus Mexiko verliebt, und auf dem Weg zu seinem Glück die halbe Welt in Stücke haut. Regisseur Robert Borgmann brachte Ricos Wut und Verzweiflung mit viel Lärm und Energie rüber. Es fällt mir schwer, im Theater oder Kinosaal still und ruhig auf meinem Stuhl zu sitzen, wenn mich eine Geschichte bewegt, wenn sie mich an der Gurgel packt oder mich aufwühlt, ich fühle mich immer unwohl als passiver Statist, dessen Hintern auf einem Sessel klebt. So auch in der Box – die Intensität des Stücks und meine Zuschauerrolle taten mir beinahe körperlich weh. Ich wollte wie im Stadion aufstehen und mitschreien, Theater als Boxkampf, Theater, das Anfeuerung fordert und Widerspruch provoziert, das Bier spritzte, Schauspieler purzelten auf Besucher und als Eddes (Michael Schweighöfers) Mikrofon unabsichtlich im Handgemenge demoliert wurde, knallte er das Teil in die Ecke und sagte resignierend: „Was soll’s? Hier ist doch eh alles scheißegal!“

Damit man mich nicht falsch versteht. Ich brauch nicht ständig Krawall, um Gottes Willen, ich verbringe immer noch mehr Zeit in der Stille des Perlacher Forsts als auf den Tribünen im Grünwalder Stadion. Ja, ich liebe die Stille, aber wenn das Herz bricht, dann kann man nicht immer nur leise weinen, wenn die Grauen Mächte nach deiner Seele greifen, um dich genauso stumm und leidenschaftslos zu machen wie alle anderen, dann gilt das Motto:

Let’s make some motherfucking noise!

Zeig ihnen, dass du lebst, dass du nicht so leicht totzukriegen bist, dass du dich wehrst, dass du immer noch tanzt und immer noch liebst, mit allem, was du bist, und allem, was du hast, und ich denke die Box war an dem Abend der perfekte Ort für den motherfucking noise, Borgmanns Stück und sein Ensemble gaben mir das Gefühl, lebendig zu sein (deshalb der Drang, aufzustehen, mitzumischen) und aus diesem Grund war es ein verdammt guter Abend. Kein Schauspieler hätte Rico Steinmann mit all seinen Widersprüchen besser verkörpern können als Marek Harloff, Alwara Höfels war umwerfend in all ihren Rollen und Michael Schweighöfers Edde war zum Schreien. Die Frage, ob ich als Regisseur die Inszenierung anders gemacht hätte, die Frage, die mir Journalisten so oft gestellt haben, ist überflüssig. Natürlich hätte ich. Ich hätte die Schauspieler tätowieren lassen, denn Skins ohne Tätowierungen, das hat ein bisschen was von einem Porno, in dem die männlichen Hauptdarsteller Eunuchen sind. Nein, im Ernst. Ich bin nun mal kein Regisseur, die Frage stellt sich also gar nicht, mein Job ist ein anderer.

Als ich am nächsten Tag im ICE nach München saß, war der Lärm verklungen und der Nebel zurück. Der Zug kam irgendwo auf der Strecke im Niemandsland zum Stehen und für einen Augenblick dachte ich, da draußen im Nebel würde niemand mehr existieren, alles Leben wäre verschwunden, und mir wurde wieder mal bewusst, dass all meine Texte trotz des Lärms und des Gepolters im Grunde von der Einsamkeit der Menschen handelt. Und in meinen Ohren klang noch einmal das Lied der Böhsen Onkelz, dessen Refrain Rico (Marek Harloff) und Maga (Alwara Höfels) eng umschlungen auf der Bühne gesungen hatten: Wenn du einsam bist, rufe nur nach mir, wenn du mich vermisst, komme ich zu dir.


http://www.deutschestheater.de/programm/stuecke/repertoire_detail.php?sid=900


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