Sunday, September 14, 2008

Martin S.

Als ich noch Gitarrist in einer Band war, gab es da diesen Typen, der mit uns rumhing, Martin S., er soff uns das Bier hinter der Bühne weg und mampfte am Sonntag unsere Kuchen, aber irgendwie konnte man ihm nicht böse sein, denn wenn er zuviel intus hatte, erzählte er von seinem großen Schmerz, dass es nämlich immer schon sein Traum gewesen wäre, in einer Band zu spielen, dass er aber einfach nicht das Durchhaltevermögen und das Talent gehabt hätte, ein Instrument zu lernen. Martin S. schrieb für ein Lokalblatt, er schrieb Konzert- und Filmkritiken, und eines Tages schrieb er eine Kritik über ein Konzert von uns - und er verriss uns dermaßen, dass uns sämtliche Freunde, Bekannte und Fans (wir hatten noch nicht so viele) anriefen und sich am Telefon kaputt lachten. Als mir Martin S. nach ein paar Wochen wieder über den Weg lief (er soff jetzt das Bier von jemand anderem), wimmerte er, sein Boss hätte ihm gesagt, er müsse kritischer sein, er könne nicht jede heimische Band loben, und wir hätten halt das Pech gehabt, er würde uns ja immer noch gut finden ... blablabla.

Martin S. schreibt heute noch für das Lokalblatt, er wird nie für etwas anderes schreiben, und nach dem fünften Bier kriegt er sicher immer noch diesen wehmütigen Blick und er fängt an, von seinem großen Traum zu labern.

Komisch, dass mich einige Kritiker, denen ich begegne, so sehr an Martin S. erinnern.

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