Wednesday, September 24, 2008

Deleted Stories: 2 Nordkette (2004)

Ich mag keine Liebesgeschichten. Ich kann Liebesromane und Liebesfilme nicht ausstehen. Neun war ich, da habe ich das erste Mal geheult wegen einer Tussi und mir geschworen: Nie wieder. Aber Andrea war es wert. Jede Träne. Und wenn auch ihr keine Liebesgeschichten mögt, dann hört jetzt einfach nicht zu. Ist ja doch nur eine weitere Geschichte von boy-meets-girl. Aber es ist eben meine. Zeigt Respekt und verhaltet euch leise, ja?!

Es war der Hitzesommer 2003, der Anfang Mai begann und ohne Unterbrechung bis Ende August dauerte, meine Kumpels und ich waren jedes Wochenende mit unseren Mountainbikes in den Bergen. Wir zogen keine hautengen, knallbunten Raddressen an und strampelten auch nicht gegen die Stoppuhr, wir zählten nicht die zurückgelegten Kilometer, analysierten nicht unseren Pulsschlag oder unseren Stuhlgang - wir wollten einfach nur Spaß haben, die Berge, den Wald, die Luft und den Ausblick über das Tal genießen und dabei ein bisschen schwitzen.

Normalerweise tranken wir erst bei der Heimkehr, aber an jenem Tag hatten wir meinen Geburtstag zu feiern, also saßen wir vor einer Hütte, kippten Bier, waren laut und gut drauf, als diese vier Mädchen mit roten Köpfen an uns vorbei strampelten. Ich war übermütig und sagte: "Die Piefkemädels haben ein Tempo drauf, da wird einem richtig schwindlig." Eines der Mädchen, das letzte von den vieren, bremste. Sie fixierte mich und sagte: "Großmaul." Ich grinste und zuckte lässig mit den Schultern. "Ich bin schneller bei der nächsten Hütte als du!", sagte sie. Meine Kumpels lachten. Sie hatte ein hübsches Gesicht, Sommersprossen, der Helm war ihr zu groß, ich sah auf ihre schlanken Beine, wenn ich bei einem Rennen etwas zu fürchten hatte, dann meinen Alkpegel. Die nächste Hütte war nur einige 100 Meter entfernt, aber es ging steil bergauf. "Was bekomme ich, wenn ich gewinne?" - "Die heißeste Nacht deines Lebens", sagte sie und formte unter dem Gelächter ihrer Freundinnen einen Kussmund, um gleich eiskalt hinzuzufügen: "Und ich kriege dein Rad, wenn du verlierst!" Die Jungs johlten und klatschten sich ab, ich wusste, jetzt gab es kein Zurück mehr.

Aus der heißen Nacht wurde nichts, ich verlor auch nicht mein Rad, aber zwei Schneidezähne. Sie brach sich den linken Oberschenkel. Weiß der Teufel, wie sie es geschafft hatte, schneller als ich zu sein, irgendwann war mir klar, sie würde den knappen Vorsprung bis zur Hütte retten, ich würde eher vom Rad fallen und mich übergeben, als dass ich sie noch einholen könnte. Und so stieß ich mit meinem Vorderrad heftig gegen ihr Hinterrad, ein bisschen zu heftig, sie stürzte auf eine Holzbank am Wegesrand, ich kullerte den Abhang runter. Man musste sie mit dem Hubschrauber abtransportieren, und es war das erste Mal, dass es mir wehtat, als ein Mädchen wegen mir weinte.

Ich habe sie mehrmals in der Uniklinik besucht, habe mich an ihr Bett gesetzt und ihr erzählt, dass sie mich wirklich beinahe besiegt hätte, dass ich sie um den Hubschrauberflug beneidete und dass ihr die kurzen Haare stehen würden. Ihr gebro-chenes Bein war hochgelagert und ich sah mehr, als ein Gentleman hätte sehen dürfen. Ich brachte sie zum Lachen, sie selber sprach so gut wie gar nichts, aber irgendwann unterbrach sie meinen Redeschwall: "Bist du hier, weil du ein schlechtes Gewissen hast oder weil du was von mir willst?" - "Was sollte ich von dir wollen?" - "Ich bin es gewohnt, dass Typen wie dich mich anmachen, aber dass sie mir erst das Bein brechen, das ist neu." - "Ich würde dir meins geben, wenn ich könnte." - "Gib mir lieber dein Wort." - "Mein Wort?" - Sie lächelte mich an, cool und traurig zugleich. Sie sagte: "Dass du mir nicht noch mehr brichst als mein Bein." Ihr Blick sagte alles. Dass ich Mädchen die Knochen brechen konnte und sie mir trotzdem verfielen, war völlig neu für mich.

Am zweiten Tag hielten wir Händchen. Am dritten küssten wir uns. Am vierten war nur der Gips und die drei anderen Patientinnen im Zimmer schuld, dass nicht mehr geschah. Am fünften durfte sie nach Hause. Ihre Eltern holten sie ab und von nun an lagen 100e von Kilometern zwischen uns. Manchmal schrieben wir uns zwanzig, dreißig Mails am Tag und chatteten am Abend. Meine Freundin schöpfte Verdacht, weil ich so viel Zeit am Computer verbrachte und nicht mehr in die Berge fuhr, aber sie war nicht die Hellste. Ich erzählte ihr, ich hätte einen Kumpel in China, der mir von Menschenrechtsverletzungen berichten sollte, die ich an Amnesty International weiterleiten musste.

Ich drängte immer wieder auf ein Treffen, aber jedes Mal kam etwas dazwischen. Irgendwann hörte ich auf zu schreiben. Ich wollte ihr Fleisch und Blut, wollte mit ihr lachen, tanzen, trinken, ich hatte kein Interesse an einer virtuellen Affäre. Die Monate zogen dahin, und ich hatte andere Mädchen, andere Gedanken, aber sobald ich Musik hörte, war da ein Schmerz in meiner Brust, nur ein kleiner, aber ein hartnäckiger. Und dann dachte ich sehnsüchtig an ihre Sommersprossen, ihre Tränen im Gras, ihren Dialekt, ihre sexy Beine.

An meinem Geburtstag fuhr ich wieder hoch zur Hütte, dieses Mal alleine. Sie lächelte und streckte mir ihre Zunge raus, als sie angefahren kam. Sie hatte ein neues Rad, einen neuen Helm, ein neues Dress. Sie hielt an und stieg ab. Ich grinste und sagte: "Lust auf ein Wettrennen?" Sie rümpfte die Nase. "Ich habe jetzt ein besseres Rad als du. Ich brauche deines nicht mehr." - "Aber ich würde gerne die heiße Nacht mit dir gewinnen." Sie stieg wieder aufs Rad. "Frag meinen Freund! Wenn er ja sagt, können wir darüber reden." Und da kam der Typ auch schon angeradelt, seine Golduhr blendete mich, das Gel hing in Tröpfchen an seinen Haarspitzen, sein T-Shirt war nass geschwitzt, sie hatte ihn abgehängt.

Ich verfolgte die beiden in einigem Abstand, sie hatten sich offensichtlich nicht viel zu sagen, was meine Laune etwas besserte. Als der Typ im Wald verschwand, um zu pinkeln, trat ich in die Pedale und holte den Rückstand auf. Sie saß auf der Holzbank, auf die sie damals gestürzt war, das Bein mit der Narbe angewinkelt, und sah hinunter ins Tal. "Weißt du was?", sagte sie, ohne mich anzusehen. "Wir treffen uns jedes Jahr an deinem Geburtstag hier auf dieser Bank. Wir lieben uns und dann trennen wir uns. Wir treffen uns hier immer am selben Tag, bis wir alt und runzlig sind, egal, was geschieht." Ich musste erst mal schlucken. "Was ist?!", sagte sie. "Lass uns abhauen, bevor er zurück ist!" Ich spähte in den Wald, ihr Typ war nicht zu sehen, ich nahm sie bei der Hand und wir rannten querfeldein Richtung Gipfel, der Typ kam aus dem Wald und rief ihren Namen, ich drehte mich um, ich winkte der Golduhr, aber die Golduhr winkte nicht zurück.

Das Heu in dem Stadel piekste, und eine Ratte sprang mir auf den Bauch, als wäre er ein Trampolin, wir hatten keine Kondome und als der Bauer auftauchte, gab es mächtig Ärger, in der Dunkelheit fanden wir unsere Räder nicht mehr und mussten zu Fuß ins Tal - es war trotzdem der schönste Geburtstag in meinem Leben.
Ein Jahr später regnete es und die Temperaturen waren viel zu niedrig für Juli, aber das störte uns nicht. Wir hatten uns, das war Sommer genug. Wir saßen eng umschlungen auf der Holzbank, verhüllt in Regenschutz, und sahen hinunter ins Tal. "Zieh in meine Stadt", sagte sie. - "Da gibt es keine Uni." - "Aber mich." - "Du hast einen Freund." - "Wenn du in meine Stadt ziehst, dann habe ich einen neuen." - "Er taugt nicht viel, was?" - "Er ist anständig. Könnte mir nie ein Bein brechen." - "Aber auch niemals dein Herz, wenn er dich verlassen würde." Sie küsste mich und sagte: "Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der mein Herz brechen kann. Deshalb will ich dich." Sie sah mich an. "Sag mir, dass ich auch dein Herz brechen kann." Sie wartete auf eine Antwort, aber ich schwieg, weil ich die verdammte Antwort nicht wusste. Als wir uns am Bahnhof an Gleis 3 verabschiedeten, fühlten wir uns beide beschissen.

Die folgenden Monate waren eine Qual. Ich schmiss die Uni, ich verkrachte mich mit meinen Freunden, ich trank zu viel. Ich dachte an sie, die ganze Zeit dachte ich an sie. An ihre Sommersprossen. An ihre kurzen Haare, ihren Dialekt. An unsere Küsse.
Nach ewig langer Zeit kam mein Geburtstag. Ich wartete auf der Bank, aber sie tauchte nicht auf. Ich dachte, ich müsste sterben, wenn sie nicht kommen würde, aber ich starb nicht. Es war viel schlimmer. Ich heulte den ganzen Weg, ich war blind vor lauter Tränen, ich dachte, meine Tränen müssten das Tal überfluten, ich wusste, es war vorbei. Sie hatte die Abmachung gebrochen, ich war wütend, wütend auf mich, der ich nicht gewusst hatte, dass sie mein Herz brechen konnte, ich krachte mit dem Rad gegen einen Baum, und als der Hubschrauber kam, da dachte ich mir, dass das die gerechte und einzige Strafe wäre.

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