Tuesday, August 26, 2008

Deleted Stories: 1 Deserteur

----- Original Message -----

From: "Thomas Lang"

To: "Andrea Kramer"

Sent: Tuesday, July 01, 2008 11:34 AM

Subject: War is over


Meine Kleine, wo auch immer Du diese E-Mail liest, bitte lösche sie sofort, sobald Du sie gelesen hast, das musst Du mir versprechen, ja? Es ist wichtig, für mich und für Dich. Vielleicht wird früher oder später jemand bei Dir auftauchen und Fragen stellen, vielleicht wird jemand auftauchen und behaupten, ich sei tot. Aber ich bin nicht tot. Ich bin geflohen. Ich wünschte, ich könnte Dir das ersparen, aber wenn Du erlebt hättest, was ich erlebt habe, dann würdest Du mich vielleicht verstehen. Ich sitze hier in einem Internetcafé in einer kleinen Stadt an der Grenze, heute Nacht bringt man mich weiter ins Landesinnere, wo ich mich um neue Papiere bemühen werde. Ich weiß, das ist alles ein Schock für Dich. Das ist es auch für mich. Aber vorgestern ist etwas geschehen, und nun ist nichts mehr, wie es war.

Eigentlich war es eine Routinemission, wir sollten ein Tal überfliegen, um Widerständler aufzuspüren, die oftmals den Weg über die Berge ins Land nehmen. Es gab dort aber an dem Tag keine Widerständler, es gab dort nur Sand, wir überflogen ein Tal voller Sand, es war heiß, unvorstellbar heiß, sogar der Hubschrauber machte schlapp, und wir landeten im Schatten eines Berghanges, um den Motor kurz abzustellen. Die Instrumente hatten zweimal Alarm geschlagen, und der Pilot wollte nichts riskieren. Wir stiegen aus, ich hatte das Gefühl, jemand würde mich würgen, ich bekam kaum Luft, die Hitze war mörderisch. Die Jungs blödelten ein bisschen, ich konnte nur mit Mühe die Augen offen halten, der Sand blendete mich, ich hatte Kopfweh und ich war müde. Als der Pilot das Okay gab und wir wieder einsteigen wollten, vernahmen wir ein Brummen am Himmel. Wir waren verwirrt, denn wir wurden über jede Luftbewegung unserer Leute in der Gegend stets informiert. Das war strenge Vorschrift, damit wir nicht gegenseitig das Feuer auf uns eröffneten. Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Magen, ich rechnete zwar nicht mit einem Angriff der Widerständler, denn die hatten schon lange keine Flugzeuge mehr, aber man wusste nie, was den Terroristenbanden so alles einfiel. Wir lauschten gebannt dem Brummen, es wurde rasch lauter, wir hielten unsere Maschinengewehre fest in den Händen. Ich suchte mit dem Feldstecher das Blau ab und dann hatte ich sie im Visier: Eine einmotorige Propellermaschine, sie kam von Osten und flog direkt auf uns zu. Unser Kommandant sagte, wir sollten abwarten, es würde sich bestimmt bloß um ein verirrtes Privatflugzeug handeln. Die Maschine flog langsam heran, es handelte sich tatsächlich um ein ziviles Flugzeug, eine Cessna, das Merkwürdige aber war, dass eine Tür offen stand und dass die Maschine stetig an Höhe verlor. Wir funkten an die Zentrale, ob sie Meldung über einen Flug hätten, aber die Antwort war negativ. Keine Flugbewegung. Wer immer da herbei flog, hatte nichts Gutes im Sinn.

Die Cessna flog im Tiefflug an uns vorbei, die Besatzung sah uns wohl erst viel zu spät, sonst hätte sie nicht getan, was sie tat: Sie warf vier große Pakete ab, wir gingen in Deckung, wir dachten, es wären Bomben, aber als das erste Bündel auf dem Boden aufschlug, geschah gar nichts, und auch die anderen bewirkten nur, dass ein wenig Sand aufgewirbelt wurde. Das Flugzeug stieg wieder und verschwand so friedlich und langsam, wie es gekommen war. Die Pakete lagen etwa 200 Meter von uns entfernt. Keiner von uns wollte in der glühenden Sonne durch den Sand stapfen, um zu schauen, was die da abgeworfen hatten. Wir fragten den Kommandanten, ob wir mit dem Hubschrauber hinfliegen könnten, aber er sagte, wir sollten sofort unseren Arsch in Bewegung setzen und nachsehen. Ich sah nochmals mit dem Feldstecher zu der Stelle, und als ich sah, was ich sah, da fror ich. In der höllischen Hitze dieses Tals des Todes, fror ich. Eines der Pakete bewegte sich. Ich schleuderte mein Maschinengewehr in den Hubschrauber und lief los. Ich lief los, der Schweiß brannte in meinen Augen, aber ich lief und lief, ich versank tief im Sand, aber ich rannte, als wäre der Teufel hinter mir her. Ich fiel vor dem ersten Plastiksack auf die Knie, riss das Messer aus meinem Gürtel und öffnete ihn.

Manchmal gibt es ein im Leben ein Vorher und ein Nachher, gibt es ein Ereignis, das das Leben teilt, das alles radikal ändert. Es war ein hübsches Mädchen, vielleicht 14, vielleicht 15, es hatte schwarze, lange Haare, es lag im Sterben, seine Knochen waren zerschmettert, es sah mich an, mit weit aufgerissenen Augen, und es sagte ein Wort, das ich nicht verstand. Das Mädchen sagte es noch mal, dann lief Blut aus seinem Mund und es war tot. Zwei meiner Kameraden kamen gelangweilt herbei, ich schnitt die anderen drei Pakete auf, aber die Menschen waren alle tot. Eine Frau, ein Mann, ein Junge, ein Mädchen. Eine ganze Familie. Sie hatten sie lebendig aus den Flugzeugen geworfen, so wie früher die Diktatoren in Südamerika ihre Gegner lebendig ins Meer werfen ließen. Das waren Söldner in dem Flugzeug, sagte ich zu meinen Kameraden. Das waren unsere Leute. Sie sahen die Plastiksäcke mit einer Aufschrift in unserer Sprache und wussten, dass ich Recht hatte.

Meine Kleine, ich wollte nie, dass Du erfährst, was ich in diesem Krieg gesehen oder erlebt habe, aber diese Geschichte musste ich Dir erzählen, damit Du verstehst, warum ich mein ganzes bisheriges Leben hinschmeiße, damit Du weißt, warum ich meinen Fahneneid breche und nie mehr zurück in mein Land kann. Dieses Mädchen in diesem Tal hatte Ähnlichkeit mit unserer Tochter. Nein, wir haben keine Tochter, aber sie sah aus, wie unsere Tochter aussehen würde. Sie hatte Deine schwarzen Haare, Deine braunen Augen, sie hatte so vieles von Dir, meine Kleine. Es war, als hätten sie unsere Tochter aus dem Flugzeug geworfen. Ich habe nie im Leben einen größeren Schmerz verspürt.

Der Kommandant befahl uns, die Leichen zu vergraben. Er versprach uns, dass der Fall gemeldet werden würde, aber wir wussten, das würde nicht geschehen. Keiner kümmerte sich um die Leichen von vier Einheimischen, solange täglich so viele von uns in diesem Chaos starben.

Ich weiß, was ich Dir antue, ich kann Dir nicht böse sein, wenn Du mir das niemals verzeihst. Ich bin ein Deserteur, aber ich bin lieber ein Deserteur als ein Verbrecher. Nein, ich habe nichts mit diesen Mördern zu tun, aber unsere Operationen ermöglichen diesen Leuten erst, dass sie in einer Welt ohne Gesetz und Ordnung solche Verbrechen begehen können.

Ich weiß auch, dass die Leute mich einen Feigling schimpfen werden, einen Verräter, aber die wahren Verräter sind die, die dieses Unrecht zulassen. Sie verraten all das, wofür wir eigentlich stehen sollten. Sie verraten all das, worauf wir doch so stolz waren. Die Freiheit, die Demokratie, die Menschenrechte. Aber vielleicht war ich auch nur zu naiv zu glauben, wir würden für diese Dinge kämpfen.

Als wir wieder im Hubschrauber saßen, nahm ich mein Maschinengewehr, legte an und zielte auf den Kommandanten. Mein ganzer Körper zitterte und ich stotterte, als ich meinem Vorgesetzten klar machte, was er zu tun habe und warum ich es tat. Er verfluchte mich und gab erst nach, nachdem ich mit einer Salve eine Scheibe durchlöchert hatte. Der Hubschrauber überflog die Berge, überquerte die Grenze, wo ich schließlich mit dem Fallschirm absprang. Ich landete in einem kleinen Ort, einem armen, staubigen Dorf. Kinder umringten mich, nackte, schmutzige Kinder. Ich fürchtete, ich würde sofort in die Fänge des Geheimdienstes geraten, der sich überall dort herum trieb, aber ich traf nur auf Einheimische. Einer von ihnen gab mir zu essen und zu trinken, nachdem ich ihm erzählt hatte, was geschehen war. Er beschaffte mir Kleidung, verbrannte meine Uniform und brachte mich hierher. Ich hatte keine Angst, meine Kleine. Wenn man nach seinem Gewissen handelt, wenn man weiß, dass einem Gott nicht zürnen wird, dann hat man keine Angst mehr. Du darfst nicht glauben, das wäre eine Kurzschlusshandlung gewesen. Seit Wochen hatte ich Zweifel an dieser Mission. Seit Wochen führte ich einen inneren Kampf, der mich quälte und mich an den Rand des Wahnsinns brachte. Ich liebe Dich über alles und jetzt verliere ich Dich. Aber wäre es nicht viel schlimmer, wenn ich mich selber verlieren würde? Was hätte es Dir genützt, wenn ich in der Armee geblieben wäre, aber nicht mehr ich selber gewesen wäre, sondern ein Gespenst. Ohne Freude, ohne Seele, ohne Gott. Dieses Mädchen mit seinem zertrümmerten Rückgrat war der letzte Aufruf zur Rettung. Es war, als hätte mir eine höhere Macht dieses Mädchen vor die Füße geworfen, um mir zu zeigen: Du lebst eine Lüge. Du fährst zur Hölle, wenn du so weitermachst. Und deshalb sitze ich nun hier in diesem Hinterzimmer am Ende der Welt und bin noch völlig berauscht von meiner Tat, von meiner Freiheit, ich bin aufgewacht, und ich weiß: Ich werde nie wieder schlafen.

Ich liebe Dich, meine Kleine. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen, aber das kann ich nicht. Ich wünschte, ich könnte Dich ein letztes Mal umarmen, ein letztes Mal spüren, aber selbst das bleibt mir verwehrt. Ich weiß, meine Eltern werden mich niemals verstehen, aber ich wäre der glücklichste Mensch der Welt, wenn Du es tun würdest. Bye, my love, goodbye.

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