Sunday, December 2, 2007

"Weine nicht" - Ein Skinhead-Stück am Deutschen Theater

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Foto: Doris Doppler, http://blog.ddoppler.com/

"Wie hat Ihnen/Dir das Theaterstück gefallen?"

Keine Frage wurde mir in den letzten Wochen häufiger gestellt.
In den Minuten nach der Vorstellung fand ich gar keine Antwort darauf. Die Wucht und die Intensität des Stückes haben mich erstmal sprachlos und ratlos gemacht. Normalerweise bin ich es, der in den Ring steigt, um dem Leser eins auf die Nase zu geben. Dieses Mal war ich gezwungen, schweigend über zwei Stunden Lärm und Wut zu ertragen. Am liebsten wäre ich ab und zu aufgestanden und hätte mitgeschrien oder mitgekämpft. Es war für mich schwer, das Ganze im Sitzen zu erleben. Es war, als würde ich zum ersten Mal ein Fußballspiel im Stadion nicht im Stehen verfolgen können.

Die Leute vom Deutschen Theater haben sich intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt - von Regisseur Robert Borgmann bis hin zu den Schauspielern. Das merkt man und das ist sicher mit ein Grund, warum die Inszenierung auch gelungen ist. Marek Harloff spielt Rico Steinmann perfekt, Alwara Höfels zuzusehen, ist eine Freude, und auch die anderen Schauspieler (Michael Schweighöfer, Pedro Stirner, Alexander Rohde, Franz Konstantin Beil) tragen ihren Teil dazu bei, dass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte - "OH GOTT, NEIN!, das ist nicht Hatze! ... Das ist nicht Edde!". Die Schauspieler haben meine Figuren Edde, Hatze, Ramon und Doogie toll auf die Bühne gebracht. (Dass mir optisch ein paar Tattoos fehlten, das kann man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen.)

Ich hatte keinerlei Einfluss auf die Inszenierung, und natürlich hätte ich als Regisseur etwas anderes daraus gemacht - genauso wie zwei andere Regisseure zwei weitere Stücke geschaffen hätten. Aber mir gefällt, was Robert Borgmann gemacht hat. Ja, vielleicht hätte ich die Liebesgeschichte stärker betont oder die Abgrenzung Ricos gegen Rechts deutlicher herausgestrichen, aber diese Frage ist für mich irgendwie nicht relevant. Ich habe alles, was ich zu dem Thema zu sagen hatte, in meinen Roman gepackt. Und Robert Borgmann hat nun eine Bühnenversion geschaffen, mit der ich nicht nur leben kann, sondern mit der ich glücklich bin. Sie hat Kontroversen ausgelöst, sie wird das auch weiterhin tun, es wird Leute geben, denen das Buch besser als das Theaterstück gefällt und umgekehrt, es wird Leute geben, denen weder Buch noch Stück gefallen, es wird (nicht-rassistische) Skins geben, die das Stück begeistert und solche, die wieder einmal laut "Klischee!" schreien. Auf jeden Fall gibt es Szenen, da ist's mir kalt den Rücken runter - und wann erlebt man sowas schon mal im Theater? Also, hin und anschauen! (Und der kalte Schauer war wirklich nicht das Bier, das bei der Aufführung in Strömen fließt.)

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