Monday, October 22, 2007

Was ist wirklich wichtig?

Vor Jahren gab ich diesem alten Rocker (Dauerwelle, langer, schwarzer Ledermantel, Cowboysteifel, Kettenraucher, bleiches Unterarmtattoo) Gitarrenunterricht. Eigentlich konnte er seine Strat bereits auf seinen Schultern jonglieren und "Purple Haze" mit Zunge und Whiskeyflasche spielen, deshalb fand ich es angemessen, ihn ein wenig in die Geheimnisse der Jazz-Harmonielehre einzuweihen. Der Unterricht gestaltete sich als schwierig. Sobald ich ihm etwas erklärte, starrte er mich an. Ich merte sofort, dass er gar nicht zuhörte. Er wartete ein paar Minuten, dann schrie er: "HÖR AUF MIT DEM SCHEISS! SAG MIR HALT, WAS WIRKLICH WICHTIG IST!" "Äh. Okay. Klar!" Ich fing nochmal von vorn an. Ich reduzierte den Stoff, versuchte, wirklich nur die Grundlagen ... "HÖR DOCH AUF! HÖR DOCH AUF! WAS SOLL ICH MIT DEM SCHEISS! ICH WILL DOCH NUR WISSEN, WAS WIRKLICH WICHTIG IST!" Er drehte den Regler seiner Stratocaster auf 10, spielte ein Hendrixsolo, dass ich heute noch Ohrensausen davon habe. "Und jetzt", sagte er. "Jetzt will ich wissen, was wirklich wichtig ist. Verstehst du mich? Was wirklich zählt!" Nach 20 Minuten etwa war der Unterricht beendet. "Du kannst mir einfach nicht sagen, was wirklich wichtig ist", sagte er und klopfte mir freundschaftlich auf die Schultern. "Aber das wirst du auch noch lernen. Ich bin ein alter Fuchs. Und ich weiß, dass das alles Scheiße ist, was du da verzapfst. Und überhaupt scheiß ich auf Harmonielehre. Mich interessiert das nicht. Ich hab das im Blut. Ich hab das doch alles im Blut."

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