Thursday, October 18, 2007

Skinheads am Deutschen Theater

"Die Welt" (http://www.welt.de/) vom 21. September 2007:

(von Michael Pilz)

Nach einer Stunde brechen die vier Skinhead spielenden Schauspieler zum Fußball auf. Sie trinken Bier. Sie grölen Blödsinn. Und sie bringen ihre allumfassende Abneigung zum Ausdruck. Plötzlich springt eine Besucherin vom Stuhl und herrscht das Auditorium an, es höre sich den Schwachsinn an und sitze stumm daneben. „Ihr seid ein Theaterpublikum“, ereifert sich die Dame und wirft ihre roten Haare: „Gucken Sie mich an, Herr Wilms!“ Aber der Intendant betrachtet seine Schuhe. Dann erinnern sich die Schauspieler an ihre Rollen, schimpfen skinheadhaft zurück, die Frau wird grinsend aus dem Saal geleitet.
"Weine nicht“ im Deutschen Theater, in der winzigen „Box“, verwirrt auch abgeklärte Bühnengäste: Der sensible, zarte Marek Harloff hat sich seinen Kopf rasiert, trägt Jeans mit Hosenträgern, Acht-Loch-Stiefel und als Sturmgepäck den Hass auf alles Künstliche und Kultivierte durch den Abend. Um ihn sagen hoffnungsvolle Jungschauspieler Minderheitenwitze auf. Es wird mit Bier geduscht, sich bei der NPD gelangweilt, vieles kurz und klein geschlagen, und das alles, ohne zu verhehlen, dass die vielleicht letzte antibürgerliche Subkultur sogar für bürgerliche Künstler ihren Reiz hat. Bis einer Besucherin eben der Blick verrutscht. Im Zeichen der Zivilcourage wird sie zum Theater-
Hooligan.
Als wäre Hochkultur nicht immer ein probates Mittel gegen jede Art des ruhestörenden Außenseitertums gewesen: Dass Elijah Wood, der Hobbit, im Film „Hooligans“ einen beseelten Schläger spielte, hat der Szene mehr geschadet als die offizielle Fanarbeit. Dass nun der großartige Skin-Roman „No llores, mi querida – Weine nicht, mein Schatz“ von André Pilz zu einer Bühnenfassung überhöht wird, dürfte manchem Skin zu denken geben. Auch durch seine
sorgfältige Ausstattung. Durch prächtig sitzende Ben-Sherman-Polos, Lübzer Pilsner und die alten DDR-Gesänge aus den Stadien: „Opa war ein Nazi, Vater bei der Stasi, und ich bin ein Hooligan!“
Wie überhaupt ausgiebig durch das Stück gesungen wird und Marek Harloff dazu dröhnend Bass spielt. Wenn die Skinheads von „Auf, auf zum Kampf“ über die Böhsen Onkelz bis zu Tocotronic alles singen, was sich brüllen lässt, während die Türken alte Nazihymnen rappen, lernt auch der Theater-Schlachtenbummler, dass in Parallelgesellschaften die Dramen nicht nur linear ablaufen und von links nach rechts.
Es geht um Rico Steinmann, den von Harloff dargestellten Glatzkopf, der mit seinem Männerbund in einen tragischen Konflikt gerät: Ein Kamerad schwängert die minderjährige Cousine, und die große Liebe ist eine Studentin aus Amerika und auch noch schwarz. Vermutlich war dem Regisseur und Bühnenautor Robert Borgmann die Geschichte selbst nicht ganz geheuer. So behilft sich das bedauernswerte Paar mit Dialogen aus „Kabale und Liebe“, ein Skin mit Gottfried Keller und das Programmheft mit Essays von Klaus Theweleit („Prügel“) und Georg Seeßlen („Zur Semiologie der Glatze“). Heiner Müller wird zitiert: „Nur solange eine Kraft blind ist, ist sie eine Kraft. Sobald sie ein Programm hat, kann sie integriert werden.“

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