Friday, December 28, 2007

http://www.riverside-magazin.de/ (Meral Yildiz), März 2007

„Bataillon d’Amour“ –

Eine weitere Reise ans Ende der Nacht

Der Schriftsteller André Pilz über Wohlfühlliteratur, Fußballstadien und seinen neuen Roman

(Meral.Yildiz@online.de)

Eigentlich hätte ich es mir ja denken können. Als André Pilz einen Treffpunkt für unser Meeting nennt, bestellt er mich in den Norden Münchens. Ich steige aus der überfüllten U6, und erst nachdem ich mir die Brille aufgesetzt habe, sehe ich ein Gesicht, das dem auf dem Foto gleicht. Oh Gott, denke ich mir: Er hat tatsächlich einen Fußballschal um das Handgelenk gebunden. Und ehe ich Hallo sagen kann, drückt er mir etwas in die Hand. Eine Eintrittskarte. „Stehplatz Nord“, sagt er und hängt mir den Schal um den Hals. „Beim Fußball muss man stehen. Sonst ist’s kein Fußball. Beim Tennis kann man sitzen. Ich bin noch nie beim Fußball gesessen.“ Ich meide gewöhnlich Fußball, so gut es geht.

Ein Treffen mit einem Schriftsteller stellt man sich anders vor. Ein gemütliches Café, ein bisschen Norah Jones oder Carla Bruni, Zigarettenrauch, eine Tageszeitung auf dem Tisch. Pusteblume. Wir stehen in der Münchner Allianzarena, der Regen peitscht uns ins Gesicht, da hilft auch die Überdachung nichts, das Spiel ist grottenschlecht, und mein Interviewpartner brüllt sich heiser. „Es gab eine Zeit“, sagt er, als das Spiel unterbrochen ist, weil sich ein Spieler auf dem Boden wälzt, „da war ich in Innsbruck auf jedem Spiel. Zuhause wie auswärts. Aber seitdem die ein neues Stadion haben, intererssiert es mich nicht mehr. Alle Stadien werden gleich, du wirst sehen. In 20 Jahren gibt es nur mehr ein Typ von Stadion in ganz Europa. Sie sind alle sicherer geworden, das ist gut, klar, aber sie haben keine Seele, keinen Charakter, kein Herz mehr.“

Nein, André Pilz ist anders als die anderen Schriftsteller. „Ein Literaturkritiker hat mir gesagt, ich würde niemals in die 1.Liga der deutschsprachigen Schriftsteller aufsteigen. Weil ich ein Fußballprolet sei und immer einer bleiben werde. Gelesen hat er natürlich nur das Backcover meines ersten Buchs. Aber in die 1.Liga will ich ja sowieso nicht. Da tummeln sich nämlich Leute wie Handke oder Jelinek. Da würde ich mich irgendwie nicht wohlfühlen.“

André Pilz benutzt in seinem ersten Buch die Sprache der jugendlichen Underdogs von der Straße. Kein Wunder also, dass seine LeserInnen jung sind. Nicht selten zu jung. In der Sendung „Büchermarkt“ im Deutschlandfunk wurde „No llores, mi querida“ erst ab 16 Jahren empfohlen. „Ich habe E-Mails von 14-jährigen bekommen“, sagt Pilz. „Hätte ich eine 14-jährige Tochter, dürfte sie das Buch nicht lesen.“ „No llores, mi querida – Weine nicht, mein Schatz“ beschreibt die Geschichte eines Skinheads und sie nimmt keine Rücksicht auf political correctness oder den Leser. Einige Szenen sind schwer zu ertragen. Zum Beispiel die mit dem Mädchen und dem Hund. „Ja, die Sache mit dem Hund …“, sagt er. „Natürlich ist No llores teilweise überzogen. Andererseits … wer in den letzten Monaten die Zeitungen gelesen hat, der konnte von genau solchen Geschichten erfahren. Die Wirklichkeit hat uns doch längst eingeholt.“ Er meint die Zeitungsartikel, die von rechtsextremen Gewalttaten in Ostdeutschland berichten. Von Opfern, die gefoltert wurden. Von Tätern, die so gefühlslos und grausam vorgehen, dass ihnen Psychiater attestieren, dass sie am Rande zum Schwachsinn seien.

„No llores, mi querida - Weine nicht, mein Schatz“ hat so etwas wie Kultstatus erreicht. Die Fans lieben den Roman, andere halten ihn für üblen Trash. Fußballfans aus Augsburg haben NO LLORES MI QUERIDA auf ein Transparent gesprayt und in der Fankurve aufgehängt. Eine Leserin hat dem Autor ein Video von sich geschickt, auf dem sie ihre Tanzkünste beweist. „Ich habe mir nur gedacht, hoffentlich zieht sie sich nicht aus.“ Sie war nicht älter als 14. „Das ist nicht gut, junge Leser zu haben. Nicht gut für den Verkauf. Die Jungen klauen die Bücher oder leihen sie sich gegenseitig aus. Ich sollte für 40-50-jährige Frauen schreiben. Die sind kaufkräftiger.“ Er lacht. Ich lache auch. Weil wir uns vorstellen, wie jemand, der von Ilja Trojanow begeistert ist, sich „No llores“ kauft. Obwohl. Wie in „No llores“ gibt es auch in „Bataillon d’Amour“ wunderschöne Passagen, zärtlich, poetisch, melancholisch. Ob er sich vorstellen kann, eines Tages Sex und Gewalt auszusparen und nur ein „schönes“ Buch zu schreiben? „Ich würde gerne eine Komödie schreiben. Und ich werde eines Tages eine schreiben. Wenn ich in der Stimmung bin.“ Im Moment ist erstmal schlechte Laune angesagt. Der FC Bayern gewinnt zwar, aber: „Die Meisterschaft ist längst futsch. Der Mannschaft fehlt das Feuer.“ Seinen Büchern nicht. André Pilz schreibt aus dem Bauch heraus, dass es mir als Leserin manchmal fast körperlich weh tut. „Bataillon d’Amour“ ist sein neuer Roman, und er lässt nichts aus. Mechibel, eine junge Kolumbianerin aus einem Armenviertel in Bogotá, gerät in Deutschland in die Hände eines Zuhälters. Sie wird vergewaltigt, eingesperrt, verstümmelt sich selbst. Warum ausgerechnet dieses Thema? „Ich habe einmal in die Augen eines Opfers geschaut“, sagt er. „Das vergisst du nicht mehr. Es gibt kaum was Schlimmeres als einen gebrochenen Menschen zu treffen. Da verliert das Leben seinen Sinn. Ich hatte das Gefühl, ich wäre diesem Menschen das Buch schuldig.“

Ich habe den Roman in zwei Tagen gelesen, dafür sogar die Arbeit und meine Katze vernachlässigt. Weil „Bataillon d’Amour“ so spannend ist. Und leicht zu lesen ist. „Lange, verschachtelte Sätze, die haben mich immer schon genervt. Ich lese zwar auch mal gerne Javier Marias oder Salman Rushdie, aber wenn ich das zu oft tu, habe ich das Gefühl, in meinem Hirn würden Knoten entstehen.“ Trotz des flüssigen Stils ist „Bataillon d’Amour“ alles andere als ein leichtes Buch. Phasenweise ist es ein Höllentrip. Eine Reise ans Ende der Nacht. „Ich schreibe keine Wohlfühlliteratur“, sagt André Pilz. „Wenn ich ins Tattoostudio gehe, nehme ich den Schmerz in Kauf, dafür habe ich danach etwas Bleibendes. So soll es auch mit meinen Büchern sein. Da soll was bleiben. Im Herzen oder im Hirn, irgendwo. Das soll für einen kurzen Moment weh tun, unangenehm, verstörend sein. Wenn jemand für einen Moment aufwacht, wenn jemand über etwas nachdenkt, über das er vorher nicht nachgedacht hat, dann bin ich glücklich. Und wenn jemand das Buch nur zur Unterhaltung liest, ist das natürlich auch okay. Ich will mich da nicht überschätzen.“

Die U-Bahn ist so voll, dass Mitarbeiter des U-Bahndienstes bei einer Haltestelle Passagiere bitten, auszusteigen. Wir bleiben. Ob er sich als Außenseiter in der Szene fühle, frage ich. „Ich kenne keine anderen Autoren persönlich“, sagt Pilz. „Meistens ist das auch besser so. Manchmal liebst du ein Buch, dann quatscht der Typ in einem Interview Bockmist oder outet sich als weiß-Gott-was, oder er sieht seltsam aus. Ich weiß noch, wie enttäuscht ich war, als ich ein Foto von Max Frisch sah, nachdem ich Andorra in der Schule gelesen hatte. Ich dachte, so einen kraftstrotzender Text mit einer solchen Wucht, so ein gigantisches Stück, das kann nur ein Boxer, ein Riese geschrieben haben!“ Wen würde er trotzdem gerne mal treffen? „Clemens Meyer. Als wir träumten ist großartig. Das habe ich ihm auch geschrieben, aber er hat niemals geantwortet. Ich würd ihn gern fragen warum.“ Clemens Meyer kann er bald treffen. Auf der Buchmesse in Leipzig, auf der „Bataillon d’Amour“ offiziell vorgestellt wird. Ob er sich geehrt fühlt, zusammen mit Clemens Meyer sogar Gegenstand von Seminaren in den USA zu sein? „Ja im Rahmen der Northeast Modern Language Association gibt es im März eine Vorlesung über No llores und Als wir träumten: Youth Rebellion in the New Underclass: the Novels of André Pilz and Clemens Meyer. Großartig. Wenn ich denke, dass das Lokalblatt bei mir zu Hause in zwei Jahren mein Buch nicht mal in einer Randspalte erwähnt hat …" Wenn er die Wahl hätte, Bestsellerautor zu sein, dafür von den Kritikern verdammt zu werden, oder aber den Literaturnobelpreis zu kriegen, was würde er wählen? „Ich denke, das Schönste ist, das zu schreiben, was man schreiben muss, und mit dem Geld überleben zu können.“ Den Literaturbetrieb an sich findet er furchtbar. „Die großen Zeitugen besprechen die Bücher, deren Verlage bei ihnen inserieren. Die kleinen Zeitungen besprechen die Bücher, die die großen besprechen, und die Bücher, deren Verlage bei ihnen inserieren. Die Heinis im Fernsehen besprechen die Bücher, die angeblich so toll sein sollen, weil sie ja in den großen und kleinen Zeitungen besprochen worden sind. Und die Leute, die rennen dann in die Geschäfte und kaufen die Bücher, die sie im Fernsehen gesehen haben, von denen sie in den Zeitungen gelesen haben. Kein Wunder, dass alle dasselbe kaufen, lesen, denken. Wirklich Neues, Aufregendes hat ja kaum eine Chance.“ Und was ist wirklich aufregend zur Zeit? „Ich sage dir, welche drei Bücher ich zur Zeit lese – und ich lese nur, was mich wirklich fesselt. Da wäre E.R. Franks Das Leben ist komisch, ein wunderbares Jugendbuch, Charles Bukowskis Briefe und Souljahs The coldest winter ever, das ich ebenfalls nur empfehlen kann.“ Und ich empfehle „Bataillon d’Amour – Eine Geschichte von Liebe und Gewalt.“ über dessen Inhalt ich hier gar nicht so viel geschrieben habe, wie ich eigentlich wollte. Aber im Buch gibt es einige überraschende Wendungen, die hier nicht verraten werden sollten. Lesen und sich selber davon überzeugen, wie lebendig und leidenschaftlich deutsche Gegenwartsliteratur abseits des Mainstreams sein kann.

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