Sunday, April 15, 2007

Ein "PS" zur Buchmesse



Warum haben Sie angefangen zu schreiben?, das war die häufigste Frage, die mir Jugendliche auf der Buchmesse gestellt haben. Und ich wusste keine Antwort. Warum schreiben Sie? Ich weiß es nicht. Vielleicht schreibe ich, weil ich nicht reden kann. Nicht reden konnte. Als ich 15, 16 war, in einer Zeit, in der es wichtig ist, eine große Klappe zu haben. Ich war zu schüchtern, überließ das Reden anderen. Und tobte mich auf unschuldigem weißen Papier aus. Paul Auster meinte mal, die Welt bräuchte alles mögliche, aber keinen weiteren Schriftsteller. So sehr ich Sie als Autor schätze, Mister Auster, die Aussage ist Mist. Ich war ein Bücher-Junkie als Kind. Ich hätte mir mehr Schriftsteller gewünscht, denn es gab so viele Bücher, die mich langweilten. Bücher waren für mich als Alien aber überlebenswichtig. Die Flucht in eine Traumwelt, in der ich alles erleben konnte, in der mich aber niemand verletzen konnte. Bücher gaben mir genauso wie Musik so viel Kraft und Trost. Als ich 16 war, habe ich aufgehört zu lesen, weil ich dachte, es wäre nicht cool. Weil ich dachte, ich müsse rebellieren gegen alles, was nach Schule riecht. Bis ich merkte, dass ich nicht lebensfähig war ohne meine Bücher. Und ohne Musik. Hätte ich die Wahl zwischen einem tollen Buch und einem Porsche – ich nähme natürlich den Porsche. Um ihn zu verkaufen und mit dem Geld 1000 Bücher und Cds zu kaufen. Die Jugend lese zu wenig, wird überall gejammert. Vielleicht werden ihnen einfach nur die falschen Bücher vorgelegt. Vielleicht sollte man ihre Vorbilder anzapfen. Auf der Messe quatsche ich mit einem Typen vom ZDF. Ich frage ihn, warum der Sender nicht eine halbstündige Literatursendung macht, mit Popstars oder Sportlern, die ihre Lieblingsromane vorstellen. „Die lesen nicht“, sagt er. „Scheißegal. Sie müssen ja nur so tun als ob.“ Wer weiß, wieviele Mädchen E.R. Franks „Das Leben ist komisch“ lesen würden, wenn der Sänger von Tokio Hotel es als Lieblingsbuch präsentieren würde, ein bisschen darüber erzählen, ein bisschen mit den Augen klimpern ... Ich stelle ihm voller Enthusiasmus mein Konzept vor, aber der Typ hat nur mehr Augen für Ariadne von Schirachs Hinterteil, das an uns vorbei wackelt. Vielleicht war’s auch Christian Anders, keine Ahnung.

Lokomotive Leipzig
Am Donnerstag steige ich um 5:33 in München in den ICE nach Leipzig. Der Zug ist hochmodern und sauber, das Personal freundlicher als die Zeugen Jehowas vor unserem Supermarkt. Die Zeit vergeht wie im Flug. Bis in Jena ein Typ einsteigt, der glaubt, er müsse das gesamte Abteil mit seiner Techno-Musik beschallen. Die Kopfhörer hüpfen auf seinen Ohren, seine Lippen zucken, hin und wieder röhrt er wie ein sterbender Hirsch oder furzt dezent. Natürlich telefoniert er wenig später auch in einer Lautstärke, dass die Oma zwei Sitze weiter ihr Hörgerät ausm Fenster schmeißt. Jetzt ist ihr Trommelfell endgültig hinüber. Der ganze Zug erfährt, dass er sich im Hallenbad einen Fußpilz geholt hat. „Aber im Genitalbereich ist soweit alles in Ordnung?“ frage ich, als er nicht aufhört, in das Ding zu blöken.
In Leipzig erwarten mich drei Mannschaftsbusse Polizei. Ich deute sofort auf den Typen mit Fußpilz, aber sie warten nicht auf ihn. „Lok spielt“, sagt einer der Männer, der eine Rüstung trägt, als müsse er in einen havarierten Kernkraftswerkblock eindringen. Ich frage, ob ich ein Foto machen darf, da setzen sie ihre Helme auf und laufen einer Gruppe von erlebnisorientierten Fans mit gelb-blauen Schals hinterher. Der ehemalige Fußball-Europacupfinalist Lokomotive Leipzig spielt jetzt in der Bezirksliga Leipzig, das ist für manchen Fan ein schweres Trauma. In welcher Liga spiele ich? Um 14 Uhr muss ich lesen, aber um 13:30 habe ich immer noch nicht mein Hotel gefunden. Ich irre irgendwo zwischen sechs, sieben, offensichtlich erst kürzlich aus dem Boden gestampften Firmenblöcken in einem Niemandsland ohne Bäume und Berge herum. Nur Wiesen und Straßen, der Sachsenpark, mein Gepäck und ich. Die wenigen Leute, denen ich begegne, sind freundlich, aber erst der fünfte oder sechste, den ich anspreche, kann mir helfen. „Jau, das Hotel ist dort!“ Dort heißt: entgegengesetzte Richtung, dort heißt: Der Punkt, an dem ich aus der Straßenbahn gestiegen bin. Ich stapfe eine Viertelstunde lang querfeldein zum Hotel, 4 Sterne, wow, das ist besser als Bezirksliga, das ist Bundesliga. Mal schauen, ob das Hotel noch 4 Sterne hat, wenn ich wieder ausziehe.
Beim Stand meines Verlags wird mir klar, was ich in den letzten Monaten vermisst habe – Menschen zu treffen. Immer nur im Zimmer, immer nur vorm Computer, immer nur E-Mails und Skype, immer nur Youtube, immer nur Bücher, immer nur alleine joggen, immer nur Schattenboxen, das macht einen einsam und verrückt. Und hier? Endlich wieder Menschen. Zum Quatschen, Lachen, Anfassen, Diskutieren.

Sex and violence
Auf zur Lesebude, auf zur Lesung. Im Gegensatz zu Sonntag, wo die Lesung zu einem ungünstigen Zeitpunkt (11:30) stattfinden und die Bude beinahe leer sein wird, erwarten mich so viele junge ZuhörerInnen, dass einige Leute vor der Lesebude wieder kehrtmachen müssen. Mikro an, vorgestellt, und schon habe ich einen Blackout bei der Zusammenfassung des Buchs, die sowieso viel zu lang ausfällt. Klaus Farin als Moderator macht nochmals darauf aufmerksam: „Diese Lesung ist erst ab 16 Jahre!“ Das ist wie ein Weckruf. Alle sind hellwach. Ich überlege, ob ich wirklich die Stelle vorlesen soll, die meine Cousine vorgeschlagen hat. Ich sehe ein Mädchen links vor mir, das bestimmt noch keine 16 ist. „Ich bin 17“, flüstert sie. Kurz vor einer heftigen Stelle halte ich noch mal inne, schau zu meinem Moderator und frage, ob ich zensieren soll. „Quatsch.“ Also weiterlesen, immer wieder auf die Uhr blicken. Keiner macht einen Mucks, keiner hustet oder kramt nach seinem Handy. Vielleicht finden sie den Text gut, vielleicht sind sie einfach nur geschockt. „Warum müssen Sie immer so heftige Themen auswählen?“ fragt ein Mädchen. Warum nach einem Roman über Skinheads ein Roman über Prostituierte? Wie haben Sie darüber recherchiert? Warum haben Sie angefangen zu schreiben? Über was schreiben Sie als nächstes? Können wir Sie in unsere Schule einladen? In welcher Band haben Sie gespielt? …Haben Sie einen Fußpilz, Herr Pilz?
Fragen beantworte ich in Trance. Ich bin müde und aufgeputscht zugleich. Ich signiere Bücher, ich würde mich gerne länger mit den vielen Jugendlichen unterhalten, aber irgendwie ist der Trubel zu groß. Als ich endlich wieder zum Atmen komme, sind alle weg.

Mangamania!
Zeit, sich die fünf Messehallen anzusehen. Eine Enttäuschung gleich zu Beginn: Christine Nöstlinger musste ihre Lesung absagen. „Die feuerrote Friedericke“ war eins meiner Lieblingsbücher, als ich noch Windeln trug. Es gibt so viele Stände, so viele Lesungen und Diskussionen, dass man ohne fixen Tagesplan völlig verloren ist. Es gibt alles und doch nichts. Ich irre umher und mit mir 100e von Kindern und Jugendlichen mit Engelsflügen oder Bienenflügel oder gar keinen Flügeln, sondern verbundenen Augen oder Ohren oder Beinen, mit riesigen Maschinengewehren aus dem Jahr 2058. Die meisten Burschen haben die Haare gestylt wie der Sänger von Tokio Hotel (oder ist es so, dass der Sänger eine Mangafigur kopiert?) Ein Mädchen trägt nur mehr Bikini, ist am ganzen Körper schwarz-weiß bemalt. Ein anderes ist giftgrün und kriecht auf allen vieren, es zieht einen roten Eselschwanz nach, es faucht und gibt auch noch andere, undefinierbare Geräusche von sich. Manche tragen einen Kimono oder einen Fernseher auf dem Kopf, irgendwie scheint alles erlaubt. Aber wenn man total erschöpft ist, kann einen nichts mehr verwundern. „Das sind Mangafans“, sagt eine Frau zu ihrer Freundin. „Wer ist Manga?“ „Das sind diese komischen japanischen Comics, die man von hinten nach vorne und von rechts nach links liest!“ Aha. 2005 betrug der Manga-Bruttoumsatz 70 Millionen Euro und war der am stärksten wachsende Bereich in der Buchbranche, höre ich später. Und ich habe von all dem nichts mitbekommen.
Nur in Halle 2, im Kinder- und Jugendbuchbereich, darf man Bücher an den Ständen kaufen – ansonsten wird geklaut. Bei den Buchmessen verschwinden regelmäßig Millionen von Bücher. Millionen? Quatsch. Aber jede Menge. Mein erster Roman wird auch geklaut. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll. Der Verlag verliert Geld, aber irgendwer hat immerhin das Risiko, erwischt zu werden, auf sich genommen, um das Ding mit nach Hause zu nehmen. Woimmer die Bücher jetzt sind, ich hoffe, es geht ihnen gut.
Ich gehe zurück zum Stand meines Verlags und habe noch keine Ahnung, was am nächsten Tag los sein wird. Die Hölle. So viele Menschen, große, kleine, dicke, dünne, junge, alte, Menschen, Menschen, Menschen. Und natürlich jede Menge Mangafreaks. Der mit den Riesenengelsflügeln bleibt irgendwo vor dem Stand des Ex-Schlager-Neo-Gurus-Christian Anders stecken. Anders, der sich jetzt Lanoo nennt, fällt in Ohnmacht, weil er glaubt, Gott wolle ihn in den Zug nach Nirgendwo stecken. Überall wird gerempelt und geschubst, die Luft ist stickig, wenn auch nicht so stickig wie in Frankfurt. Die RaucherInnen wollen vor dem angekündigten Verbot auch hier nochmals ordentlich Qualm ablassen. Wie schön. Wer jemals plant, an einem Samstag auf die Buchmesse nach Leipzig zu kommen – tut es Euch nicht an. Es sei denn, Ihr seid geborene Herdentiere und liebt Körpergerüche aller Art. Ich stampfe durch die Gänge, komme zum Stand „AUSTRIA“, kenne irgendwie alle vom Sehen, aber niemanden persönlich, lasse mich erschöpft auf einen Stuhl fallen, der leider schon von einer Dame in grauem Kostüm besetzt ist, bleibe aber sitzen. „Geht’s Ihnen noch gut?“ „Sehr gut“, sage ich. „Sehr gut.“

Ein Dichterheld des 3. Jahrtausends
Am Abend geht es mit der Straßenbahn Nummer 16 in die Innenstadt. Überall werden Lesungen veranstaltet, in Kellern und in Museen, in Einkaufspassagen und im Freien. Leipzig zelebriert die Buchmesse. Ich gebe mir ein Konzert in einem Club, eine Sängerin schreit sich die Seele ausm Leib und entblößt selbigen in wenigen Sekunden. Ihr schwarzer Leder-BH landet auf meiner Glatze. Moment, die Frau singt nicht, die Frau kündigt einen Slam-Poeten an. Ich lasse mich von der Euphorie anstecken, schwenke den BH und brülle mit den anderen den Namen des Helden, der irgendwie klingt wie: KUL-MO! KUL-MO! KUL-MO! Kulmo taucht aus dem Nichts auf, schreitet durch die Menge Richtung Bühne. Er trägt die Kapuze seines Pullis überm Schädel, die Zigarette hängt lässig im Mundwinkel. Als ich ihm die Kapuze runterziehen will, schubst er mich zurück. „EY, ANFASSEN IS NICH’!“ Kulmo auf der Bühne, die Menge tobt. Er geht zum Mikroständer, baut sich davor auf. Wie auf Kommando wird es totenstill. Alle warten auf das erste Wort. „GIB’S UNS, KULMO!“ „SEI STRENG ZU UNS!“ Er greift an die Kapuze und streift sie zurück. Kulmo ist der röhrende Hirsch, der Techno-Freak, der Hörgerätdestroyer aus dem ICE. Kulmo ist der Mann mit Fußpilz. „KULMO! ICH WILL N KIND VON DIR!“
Ich nicht. Ich haue ab, verbringe den Rest des Abends im Hotel. Die Sommerzeit kommt über Nacht, aber das ist nicht der einzige Grund, warum zur Lesung – im Gegensatz zum ausverkauften Haus am Freitag – kaum wer erscheint. Ich wähle eine andere Passage, die sich aber nicht so gut zum Vorlesen eignet, was man leider immer erst während des Lesens bemerkt. Die Luft ist draußen, ich fahre zum Bahnhof, trinke noch einen Kaffee und steige um 14:16 in den ICE 1511 Richtung Süden.

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