Thursday, March 8, 2007

Zoe Jenny und vier kleine Klugscheißer ...

Gerne erinnere ich mich an eine Diskussion in einem Literatursalon live im TV mit der Schweizer Schriftstellerin Zoe Jenny. Drei Literaturkritiker diskutierten ewig lange über ihr Buch "Das Blütenstaubzimmer" (sprachen von Kritik an der 69er Generation usw.), zum Abschluss fragte einer der Typen: "Und? Haben Sie das auch so gemeint?" Zoe Jenny: "Äääh .. eigentlich .. überhaupt nicht."
Ich denke, dass sowohl Kritiker als auch Autoren die Interpretation und die Beurteilung des Werks öfters mal dem Leser überlassen sollten. Natürlich soll und muss man über Texte diskutieren, aber manchmal wird einfach zuviel gelabert. Am liebsten würde ich auch zu "Bataillon d'Amour" so wenig Senf wie nur möglich abgeben, allerdings sehe ich mich heute gezwungen, dem Journalisten Martin S. zu antworten, dessen E-Mail seit heute Morgen in meinem Outlook Express steckt. Herr Martin S. meint, Zwangsprostitution sei mehr oder weniger eine Erfindung der Medien, erstens seien die Zahlen, die NGOs verbreiten, übertrieben (so seien doch bei der Fußball-WM letztes Jahr die Horden an englischen wie auch polnischen Hooligans genauso ausgeblieben wie die Horden an Zwangsprostituierten, die zu 1000en über die Grenze gebracht hätten werden sollen), zweitens würden die meisten Mädchen und Frauen sehr wohl wissen, dass sie in dem fremden Land als Prostituierte arbeiten müssten.

Sorry, Herr Martin S. Ich habe keine Lust, über Zahlen zu diskutieren, wenn es um Menschen geht. Ich bin kein Wissenschaftler, arbeite nicht fürs BKA und auch nicht für einen parlamentarischen Ausschuss - ich habe nur einen Roman geschrieben. Eine fiktive Geschichte mit fiktiven Menschen. Natürlich, die Zahlen zu dem Thema sind umstritten, aber ob 100 oder 1000 oder 10.000 oder 100.000 - mir egal. Jedes Mädchen, jede Frau, die Opfer ist, ist eines zuviel. Und selbst wenn eine Frau weiß, dass sie als Prostituierte arbeiten soll - ist das eine Rechtfertigung dafür, dass sie geschlagen und vergewaltigt wird? Gerne schicke ich Ihnen, Herr Martin S., die beiden Mappen, die ich in den letzten Jahren zu dem Thema angelegt habe. Die Artikel stammen aus Zeitungen wie "Der Standard" (etwa "Polizei befreite Teenager aus Prostitution", 4. Nov. 2003, Opfer: 15 Jahre alt) oder der "New York Times" ("The Sex Trade in Turkey Is Snaring Slavic Women", 11. Juli 2005). Sollte Ihnen jedoch nach der Lektüre übel sein, bitte, bitte, geben Sie nicht mir die Schuld. Sie wollten es nicht anders. :-)

(Im Übrigen geht es in "Bataillon d'Amour" um mehr als dieses Thema - es geht um Liebe und Gewalt, um Schuld und Strafe, um Armut und Menschenrechte.
Wow. Es geht um sehr viel. :-))

No comments:

Post a Comment