Thursday, February 15, 2007

Weggesperrt für immer

Der Brief liegt im Stiegenhaus. Ganz allein. Bestimmt hat ihn jemand verloren. Ich hebe ihn auf und staune nicht schlecht. Der Brief ist für mich, und ich weiß auch von wem. Ich weiß nur nicht, wie er hierher gekommen ist. Ist der Brieftaube die Luft ausgegangen? War der Postbote besoffen? Vielleicht war auch die Brieftaube besoffen und dem Postboten ist die Luft ausgegangen. Egal, Hauptsache, ich habe ihn.
Bevor ich das Kuvert öffne, halte ich es in Händen und wiege es. Fünf, vielleicht sogar sechs Blätter. Es waren schon mal sieben. Beidseitig beschrieben. Von Hand, wie immer. Meine Brieffreundin hat keinen Computer. Meine Brieffreundin besitzt im Grunde gar nichts. Aber sie hat eine schöne Schrift. Niemals ein Wort, das sich nicht entziffern ließe. Jeder Punkt, jedes Komma am richtigen Ort, nur manchmal korrigiert sie sich selber und fügt noch ein Wort, eine Bemerkung, ein lächelndes Gesicht ein. Sie nimmt sich Zeit für ihre Briefe, und Zeit hat sie jede Menge.
Meine Brieffreundin ist 23, heißt Rebecca und wird bis zu ihrem Tod im Gefängnis sitzen für ein Verbrechen, das sie begangen hat, als sie 15 war.

Alles hat mit einem Gedicht begonnen, das ich in einem Forum im Internet gelesen hatte. Einem Gedicht über die Nacht und die Einsamkeit und den Tod. Ich lese viel und lese gern, aber so vieles ist Bla-Bla, so vieles lässt einen den Hintern oder die Augen einschlafen, diese Zeilen jedoch waren wie Ohrfeigen, die einen hochfahren lassen, die einen aufwecken. Das Gedicht ließ mir keine Ruhe, ich las es immer und immer wieder, hatte Angst, es tot zu lesen, aber es verlor nichts von seiner Kraft. Ich sagte meinem Chef, mir wäre schlecht, ich müsse nach Hause, aber ich fuhr nicht nach Hause, ich fuhr in einen Buchladen und fragte nach der Autorin. „Tut mir leid“, sagte der Verkäufer, starrte auf den Bildschirm seines PCs und machte ein ratloses Gesicht, „ich kann diesen Namen nirgends finden.“ Also schrieb ich an die Person, die das Gedicht in das Forum gestellt hatte, und bekam nach zwei Tagen eine E-Mail aus den USA. Darin hieß es, dass die Verfasserin dieser Zeilen in einem Gefängnis in Florida sitze. Lebenslänglich. Ohne Chance, jemals begnadigt zu werden.

Was genau in jener Nacht geschehen ist, konnte niemals wirklich rekonstruiert werden. Rebecca hatte sich aus Liebeskummer vollaufen lassen, heimlich ihr Zimmer über das Fenster verlassen, um in Begleitung eines zweifelhaften Bekannten zu einer Party zu fahren. Die beiden nahmen sich ein Taxi, auf der Fahrt kamen die beiden auf die Idee, den Fahrer auszurauben. Ihr Bekannter, kaum älter als sie, trug eine Pistole bei sich. Sie wollten den Taxifahrer zwingen, in eine Seitengasse abzubiegen, aber der Taxifahrer weigerte sich, ließ sich von der Waffe nicht einschüchtern und machte eine Vollbremsung. Wer geschossen hat, ob sich der Schuss nur gelöst hatte oder ob es pure Absicht war, keiner weiß es. Die Tatwaffe ist bis heute verschollen. Die beiden trennten sich und flüchteten. Rebecca, die zu der Zeit bei ihren Großeltern lebte, rief am Tag darauf ihre Mutter an. Die nahm das nächste Flugzeug und ging mit ihrer Tochter zur Polizei.

Vor Gericht spielte es keine Rolle, ob Rebecca 15 war oder nicht – das Alter bewahrte sie lediglich vor der Todesstrafe. Es spielte auch keine Rolle, wer abgedrückt hatte. Die Gesetze in Florida machen da keinen Unterschied – sie hatten zu zweit den Raub begangen, das Opfer des Raubes war tot, sie waren Mörder, 1st degree. Die beiden behaupteten, der jeweils andere hätte geschossen, die Zeugenaussagen waren widersprüchlich. Die einen hatten den Jungen auf dem Rücksitz gesehen, andere behaupteten, Rebecca wäre mit der Waffe in der Hand geflüchtet. Es scheint, als hätte das Gericht gar kein großes Interesse gehabt, herauszufinden, wer denn nun der Todesschütze gewesen war. Mitgehangen, mitgefangen. Beide wurden zu lebenslänglich verurteilt. Without parole. Ohne Chance auf Begnadigung.

Ich habe Rebecca nie danach gefragt, ob sie es war oder nicht. Ob sie ein unschuldiges Leben auslöschte oder nicht. Ob sie es war, die all das Leid und den Schmerz über die Angehörigen brachte. Würde es eine Rolle spielen für mich? Würde ich den Brief hier einfach im Stiegenhaus liegen lassen, der Brieftaube ins Maul stopfen oder zerknüllen und dem besoffenen Postboten nachwerfen? Oh ja, ich habe oft an das Opfer gedacht. Mit jedem Brief, den mir Rebecca schickt, kommt mir auch der Taxifahrer in den Sinn. Und was wäre, wenn der Ermordete mein Sohn wäre, mein Bruder, ein Freund, ich selber. Er hat tagelang im Krankenhaus mit dem Tod gerungen und ist schließlich gestorben. Einen völlig sinnlosen Tod. Rechtfertigt dieses Verbrecher, einen 15-jährigen Menschen für immer lebendig zu begraben? Für immer und alle Zeit wegzusperren? Ich sage nein. Ich bin ein Bauchmensch. Mein Bauch schreit nicht selten nach Rache. Mein Bauch erträgt es nicht, wenn ein Serienvergewaltiger (wie kürzlich in Österreich geschehen) nur drei Jahre bekommt oder ein besoffener Autofahrer eine Familie auslöscht und dann auf Bewährung rauskommt. Und trotzdem sagt mein Bauch nein! Es ist nicht Recht. Ein Kind für immer wegzusperren. Es ist eine Sünde. Rebecca hat dafür bezahlt. Teuer bezahlt. Von mehrmonatiger Einzelhaft, vom Blinddarmdurchbruch, den die Wachen nicht als solchen erkennen wollten und der sie fast getötet hätte, bis zu Übergriffen durch ältere Gefängnisinsassinnen hat sie die ganze Palette an Horrorgeschichten durchgemacht, die man in amerikanischen Gefängnissen erleben kann und sonst nur aus Hollywoodfilmen kennt.

Achteinhalb Jahre sind seit der Tat vergangen. Die Briefe, die Rebecca erhält, sind so etwas wie ihre Fenster zur Welt. Die Briefe, die Rebecca erhält, werden von fremden Händen geöffnet und von fremden Augen gelesen. Selbst wenn Rebecca ein Grund hätte, sich über irgendetwas im Knast zu beschweren, könnte sie das kaum tun, da all ihre Briefe überprüft werden. Die Gefängnisverwaltung kann jederzeit den Schriftverkehr unterbinden.
Ich stecke den Brief in meine Jackentasche und gehe nach draußen. Ich muss den Brief nicht öffnen, um zu wissen, was sie mir geschrieben hat. Dass es ihr gut geht, dass sie jeden Tag betet und in der Bibel liest, dass es langweilig sei, dass sie so gerne ihre vier jüngeren Brüder wieder sehen würde. Sie erzählt mir von ihren Lieblingsfilmen, ihren Lieblingsromanen … nein, halt, sie liest eigentlich keine Romane mehr, nur mehr religiöse Literatur, der Rest brächte sie nur auf blöde Gedanken. Sie erzählt mir von Floridas Sonnenuntergängen, jeder hätte eine andere Farbe, sie erlebe sie manchmal am Fenster, nein, in der Nacht sei sie nie draußen, warum ich denn frage? Damit du den Mond siehst, denselben Mond, den ich sehe, schrieb ich. Aber wenn du den Mond siehst, ist bei uns Tag, und wenn bei uns Nacht ist, ist bei euch Tag ... Shit, schrieb ich. Sonst hätte ich dir was auf den Mond geschrieben. Damit du nicht alleine bist. In der Nacht. Damit du weißt, dass jemand an dich denkt. Ich bin nicht alleine, schrieb sie. Jesus ist immer bei mir. Jesus ist immer da. Ich hoffe, sie hat Recht. Ich hoffe, ihr Glaube bleibt für immer so stark. Ich hoffe, sie denkt niemals mehr an Selbstmord.
Ich fragte sie, was ihr schönster Tag in den letzten achteinhalb Jahren gewesen sei, und sie antwortete, letztes Jahr, der Tag vor Weihnachten, als die Gefangenen einen Gottesdienst für ihre Angehörigen gestalten durften. Ihre Mutter und Großmutter saßen in der ersten Reihe, als Rebecca das erste Mal in ihrem Leben ein Lied vor Publikum singen durfte. Ich frage mich, wie ihre Stimme wohl klingen mag, aber ich werde es wohl nie erfahren.

Ein Anwalt bereitet ein Gnadengesuch vor. Schon seit Jahren. Aber die Chancen sind gering. Gouverneure in den USA dürfen kein Mitleid mit Verbrechern zeigen. Das kostet Wählerstimmen. An so etwas kann eine Wiederwahl scheitern. Man stelle sich vor! Die Karriere zerstört wegen ein paar Knackis. Laut Amnesty International werden nur in drei anderen Ländern Menschen, die ihre Verbrechen als Minderjährige begangen haben, lebenslänglich ohne Chance auf Begnadigung verurteilt. 2.200 sind es in den USA. Über 350 waren sogar jünger als 14, als sie die Verbrechen begingen. Die Vorstellung, dass Rebecca für immer hinter Gittern bleibt, ist unerträglich, ist geradezu monströs. In „Newsweek“ war zu lesen, dass 82 Prozent der US-Amerikaner glauben, dass Jesus Gott oder dessen Sohn sei. Ich habe Jesus nie getroffen, nie mit ihm gequatscht, aber was ich von ihm aus der Bibel kenne, ist er kein Mann der Rache. Ich glaube mich zu erinnern, dass der Verbrecher neben ihm am Kreuz seine Sünden bereute und Jesus sagte: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Natürlich. Die Verbrechensrate in den USA ist nicht mit der in Österreich oder Deutschland vergleichbar. Immer noch härtere Strafen sind die verzweifelte und einfachste Reaktion auf immer größere Kriminalität. Trotzdem. Der, den die überwiegende Mehrheit der Menschen in den USA für Gott halten oder zumindest für dessen Sohn, würde nicht wollen, dass Rebecca bis ans Lebensende in einer Zelle schmort. Das sagt mir mein Bauch. Und darüber allzu lange nachdenken darf man sowieso nicht. Sonst würde man verrückt.

Ich öffne den Brief auf einer Parkbank und schließe die Augen. Und wenn der Gouverneur doch eines Tages auf seine Karriere pfeifen würde? Wenn er eines Morgens aufwachen und sein Herz schlagen hören würde, laut und fest, und sein Herz würde ihm sagen, dass es nicht Recht ist, jemanden wie Rebecca für immer wegzusperren? Du alleine hast die Macht, würde das Herz sagen. Du alleine kannst ihr eine zweite Chance geben. Ein Leben wurde schon zerstört, sinnlos, grausam, das lässt sich nie wieder gutmachen. Warum noch ein weiteres zerstören? Ist Rache wirklich die einzige Antwort? Und wenn du eines Tages vor dem Herrgott stehst, könnte es nicht sein … es könnte doch sein, dass er sich erkundigt nach Rebecca, weil er ja angeblich niemanden vergisst und jeden liebt und allen vergibt … also, wenn der dich da oben fragt, was wirst du ihm dann antworten?
Dann, und nur dann, wenn es schlägt das Gouverneursherz, so laut und fest, und wenn es zu ihm spricht, das Gouverneursherz, nur dann gibt es Hoffnung. Hoffnung, dass ich eines Tages auf einer Parkbank sitze mit einem Brief von Rebecca, die Augen öffne und lesen darf, dass sie bald nach Hause kommt. Zu ihrer Mutter und ihren jüngeren Brüdern.
(Auszug meines Textes, der am 09.10.2006 im "Wann & Wo" veröffentlicht wurde)

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